Ukraine wählt
Trip Start
Sep 26, 2007
1
2
Trip End
Oct 02, 2007
Sonntag, 30. September
9.00 Uhr.
Ich kenne kein anderes Land, wo man mit einer Digitalkamera und ohne jeden Ausweis so nah an einen Staatsoberhaupt kommt.
Präsident Juschenko kommt mit seiner Frau in einem schwarzen Mercedes angefahren, er selbst sitzt am Steuer. Draußen warten drei Dutzend Journalisten, es gibt keine Absperrung, der Verkehr wird nur für einen kurzen Moment gestoppt. Nach der Stimmabgabe spricht er gut zehn Minuten mit Journalisten, niemand von seiner Pressestelle versucht zuvor die Fragen abzustimmen, niemand von seiner Leibwächter versucht die Kameraleute zu verjagen.
Was für ein krasser Unterschied zur Heimat, wo ausgewählte loyale Journalisten erst für Stunden eingesperrt werden, bevor sie eine abgesprochene Frage an den Zaren stellen dürfen.
Ein paar Passanten fotografieren den Präsidenten mit ihren Handys, er redet und redet und redet. Dann setzt er sich mit seiner Frau ins Auto und fährt weg. Keine Absperrung, keine Demonstranten, keine schubsende Polizisten.
Diese ukrainische Entspanntheit ist einmalig.
19.00 Uhr
Es sind noch drei Stunden vor der Schließung der Wahllokale, Moskau weiß aber jetzt schon, wer gewonnen hat. Die staatlich kontrollierte Nachrichtenagentur verbreitet die Ergebnisse ihrer Wahlbefragung. Gewonnen hat, wie erwartet, die Partei der Regionen, mit 36 Prozent. Es folgen der Block von Julia Timoschenko mit 27 Prozent und "Unsere Ukraine" von Präsident Juschenko mit 13 Prozent. Wie kommt eine russische Nachrichtenagentur, in der Ukraine eine Wahlbefragung durchzuführen und ihre Ergebnisse VOR der Schließung der Wahllokale mitzuteilen, bleibt völlig offen. Das zum Gazprom gehörende Radio "Echo Moskaus" meldet: Pro-russische Kräfte haben die Wahl in der Ukraine gewonnen.
Dabei ist die Wahl noch gar nicht zu Ende.
Das ist aber den gelenkten russischen Medien ziemlich egal.
21.30 Uhr
Pressezentrum von Julia Timoschenko, Hyatt Hotel Kiew.
Wenn das die Zukunft der Ukraine wäre, hätte ich nichts dagegen: Schickes Neugebautes Haus, schnelle Akkreditierung, freundliche junge Menschen, feines Essen. Kurz vor zehn Uhr abends erscheint im Saal Alexander Turtschinow, der Stellvertreter von Julia Timoschenko in ihrer Partei, der Mann, der als ihre rechte Hand gilt. Um Punkt zehn schließen die Wahllokale, Sekunden später gibt ein TV-Sender die ersten Wahlbefragungen bekannt: Der Block von Julia Timoschenko legt mehr als zehn Prozent im Vergleich zur letzten Wahl zu und landet mir 32 Prozent nur knapp hinter der Partei der Regionen von dem Ministerpräsidenten Janukowitsch. Jubel bricht kurz aus, Turtschinow hat sichtlich Schwierigkeiten, sein Lächeln zu verbergen. Er verspricht, dass Julia bald kommt.
Sie kommt tatsächlich - eine Stunden später. Der Raum ist brechenvoll.
Julia strahlt. Sie hat gewonnen. Keine andere Partei hat um mehr als zehn Prozent zugelegt. Bei ihrer ersten Parlamentswahl hatte sieben Prozent bekommen, bei der zweiten 22, bei der heutigen dritten fast 32. "Wenn es so weitergeht, sind wir bereit, bei der Präsidentschaftswahl 70 Prozent zu holen", lacht sie.
Mitten in der Pressekonferenz wird ihr ein Handy überreicht, georgische Präsident Saakaschwili ist am anderen Ende und will gratulieren. Sie entschuldigt sich, dreht sich kurz zur Seite und spricht mit ihm. Für die georgische Fernsehnteams wird der Anruf des Präsidenten zur Nachricht des Tages.
Ach ja, die georgische Fernsehteams. Die 3-Millionen-Nation ist in der Ukraine immer mit mindestens 4 TV-Sendern vertreten, die immer zusammen das Gleiche drehen und immer brav ihre vier Mikrofone ins Bild zeigen. Weh, man stellt sich bei einem nicht-exklusiven Interview mit einem nicht-georgischen Mikrofon mit dazu. Ich habe eine solche Dummheit begangen und wurde fast erschlagen.
Mitternacht, Platz der Unabhängigkeit.
Vor drei Jahren tobten hier eine halbe Million Menschen, sie forderten freie Wahlen und Annullierung des gefälschten Wahlergebnisses.
Heute ist der Platz dunkel und leer, wie ausgestorben. "Der Wahl war frei, egal wer wie abgestimmt hat, werden alle Stimmen, auch die oppositionellen, respektiert", sagt uns ein junger Mann. Er freut sich, dass es keine Massenproteste gegen Fälschungen mehr gibt - "Wir werden ein normales Land".
Am nächsten Tag will Julia Timoschenko mit dem Präsidenten treffen und Koalitionsverhandlungen anfangen. Der Ministerpräsident Janukowitsch, dessen Partei 35 Prozent der Stimmen geholt hat, will ebenso über eine Koalition verhandeln. Wie diese Verhandlungen ausgehen werden, kann man im Moment noch nicht sagen.
Was man aber bestimmt sagen kann, dass dieses große chaotische Land zwischen Russland und der EU einen weiteren Schritt in Richtung Normalität gemacht hat - mit einem Präsident am Steuer seines Dienstwagens, mit einer Frau an der Spitze der Opposition, die bald in die Regierung wechseln könnte, mit einem Transvestiten als Beitrag zum Eurovision Song Contest.
Und mit einem Volk, der erstaunlich gut drauf ist - im Vergleich zu seinem Nachbar im Osten.
Ich fürchte, es gibt ein Zusammenhang zwische der guten Laune und Demokratie.
9.00 Uhr.
Ich kenne kein anderes Land, wo man mit einer Digitalkamera und ohne jeden Ausweis so nah an einen Staatsoberhaupt kommt.
Präsident Juschenko kommt mit seiner Frau in einem schwarzen Mercedes angefahren, er selbst sitzt am Steuer. Draußen warten drei Dutzend Journalisten, es gibt keine Absperrung, der Verkehr wird nur für einen kurzen Moment gestoppt. Nach der Stimmabgabe spricht er gut zehn Minuten mit Journalisten, niemand von seiner Pressestelle versucht zuvor die Fragen abzustimmen, niemand von seiner Leibwächter versucht die Kameraleute zu verjagen.
Was für ein krasser Unterschied zur Heimat, wo ausgewählte loyale Journalisten erst für Stunden eingesperrt werden, bevor sie eine abgesprochene Frage an den Zaren stellen dürfen.
Ein paar Passanten fotografieren den Präsidenten mit ihren Handys, er redet und redet und redet. Dann setzt er sich mit seiner Frau ins Auto und fährt weg. Keine Absperrung, keine Demonstranten, keine schubsende Polizisten.
Diese ukrainische Entspanntheit ist einmalig.
19.00 Uhr
Es sind noch drei Stunden vor der Schließung der Wahllokale, Moskau weiß aber jetzt schon, wer gewonnen hat. Die staatlich kontrollierte Nachrichtenagentur verbreitet die Ergebnisse ihrer Wahlbefragung. Gewonnen hat, wie erwartet, die Partei der Regionen, mit 36 Prozent. Es folgen der Block von Julia Timoschenko mit 27 Prozent und "Unsere Ukraine" von Präsident Juschenko mit 13 Prozent. Wie kommt eine russische Nachrichtenagentur, in der Ukraine eine Wahlbefragung durchzuführen und ihre Ergebnisse VOR der Schließung der Wahllokale mitzuteilen, bleibt völlig offen. Das zum Gazprom gehörende Radio "Echo Moskaus" meldet: Pro-russische Kräfte haben die Wahl in der Ukraine gewonnen.
Dabei ist die Wahl noch gar nicht zu Ende.
Das ist aber den gelenkten russischen Medien ziemlich egal.
21.30 Uhr
Pressezentrum von Julia Timoschenko, Hyatt Hotel Kiew.
Wenn das die Zukunft der Ukraine wäre, hätte ich nichts dagegen: Schickes Neugebautes Haus, schnelle Akkreditierung, freundliche junge Menschen, feines Essen. Kurz vor zehn Uhr abends erscheint im Saal Alexander Turtschinow, der Stellvertreter von Julia Timoschenko in ihrer Partei, der Mann, der als ihre rechte Hand gilt. Um Punkt zehn schließen die Wahllokale, Sekunden später gibt ein TV-Sender die ersten Wahlbefragungen bekannt: Der Block von Julia Timoschenko legt mehr als zehn Prozent im Vergleich zur letzten Wahl zu und landet mir 32 Prozent nur knapp hinter der Partei der Regionen von dem Ministerpräsidenten Janukowitsch. Jubel bricht kurz aus, Turtschinow hat sichtlich Schwierigkeiten, sein Lächeln zu verbergen. Er verspricht, dass Julia bald kommt.
Sie kommt tatsächlich - eine Stunden später. Der Raum ist brechenvoll.
Julia strahlt. Sie hat gewonnen. Keine andere Partei hat um mehr als zehn Prozent zugelegt. Bei ihrer ersten Parlamentswahl hatte sieben Prozent bekommen, bei der zweiten 22, bei der heutigen dritten fast 32. "Wenn es so weitergeht, sind wir bereit, bei der Präsidentschaftswahl 70 Prozent zu holen", lacht sie.
Mitten in der Pressekonferenz wird ihr ein Handy überreicht, georgische Präsident Saakaschwili ist am anderen Ende und will gratulieren. Sie entschuldigt sich, dreht sich kurz zur Seite und spricht mit ihm. Für die georgische Fernsehnteams wird der Anruf des Präsidenten zur Nachricht des Tages.
Ach ja, die georgische Fernsehteams. Die 3-Millionen-Nation ist in der Ukraine immer mit mindestens 4 TV-Sendern vertreten, die immer zusammen das Gleiche drehen und immer brav ihre vier Mikrofone ins Bild zeigen. Weh, man stellt sich bei einem nicht-exklusiven Interview mit einem nicht-georgischen Mikrofon mit dazu. Ich habe eine solche Dummheit begangen und wurde fast erschlagen.
Mitternacht, Platz der Unabhängigkeit.
Vor drei Jahren tobten hier eine halbe Million Menschen, sie forderten freie Wahlen und Annullierung des gefälschten Wahlergebnisses.
Heute ist der Platz dunkel und leer, wie ausgestorben. "Der Wahl war frei, egal wer wie abgestimmt hat, werden alle Stimmen, auch die oppositionellen, respektiert", sagt uns ein junger Mann. Er freut sich, dass es keine Massenproteste gegen Fälschungen mehr gibt - "Wir werden ein normales Land".
Am nächsten Tag will Julia Timoschenko mit dem Präsidenten treffen und Koalitionsverhandlungen anfangen. Der Ministerpräsident Janukowitsch, dessen Partei 35 Prozent der Stimmen geholt hat, will ebenso über eine Koalition verhandeln. Wie diese Verhandlungen ausgehen werden, kann man im Moment noch nicht sagen.
Was man aber bestimmt sagen kann, dass dieses große chaotische Land zwischen Russland und der EU einen weiteren Schritt in Richtung Normalität gemacht hat - mit einem Präsident am Steuer seines Dienstwagens, mit einer Frau an der Spitze der Opposition, die bald in die Regierung wechseln könnte, mit einem Transvestiten als Beitrag zum Eurovision Song Contest.
Und mit einem Volk, der erstaunlich gut drauf ist - im Vergleich zu seinem Nachbar im Osten.
Ich fürchte, es gibt ein Zusammenhang zwische der guten Laune und Demokratie.

