Weißrussische Verhältnisse

Trip Start Sep 03, 2007
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Trip End Sep 09, 2007


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Flag of Russia  ,
Tuesday, September 4, 2007

Der erste Geheimdienstler taucht auf, bevor die Plakate ausgerollt werden. Es passiert noch gar nicht, es ist nur ein Interview mit einem zufälligen Passanten, aber wir werden schon fotografiert, von einem Typen um die 40, auffällig unauffällig angezogen, eine kleine Kamera in einer Hand, ein Notizblock in der anderen. Minuten später kommt ein Polizist, er will wissen, von welchem Sender wir sind und was wir hier drehen. Weißrussische Verhältnisse im Zentrum von St. Petersburg.
Vor 16 Jahren stand ich mit meiner Mutter auf diesem Platz, vor dem Winterpalast, zusammen mit 300 Tausenden anderen Menschen, die gegen Putsch in Moskau und Absetzung von Gorbatschow protestiert hatten. Der damalige Bürgermeister Sobtschak hielt eine flammende Rede für Demokratie und Pressefreiheit, hinter ihm stand sein persönlicher Referent, ein Oberst des KGB. Die Demokraten gewannen damals, die Presse wurde frei, und das Land auch.

16 Jahre später, dasselbe Platz im Zentrum von St. Petersburg. Die auffällig unauffällige Gestalt dreht sich um uns und hört nicht auf, zu fotografieren. Mit Streifenwagen kommen mehr Polizisten, mit Fahrrädern und zu Fuß kommen die Aktivisten. Es ist ein kleines Haufen Idealisten, ein Dutzend vielleicht, mehr nicht, alles junge Leute die gegen die Zerstörung der historischen Altstadt St. Petersburg protestieren wollen.

Man braucht sich nur umzudrehen, um zu sehen, um was es geht. Auf der anderen Straßenseite ragen Baukräne in die Luft. Die Baustelle selbst ist von den Augen der Passanten mit einem riesigen Werbeplakat verdeckt. Noch vor einem Jahr stand hier ein "Architekturdenkmal der föderalen Bedeutung", ein Haus, in dem die Tochter des Peter des Großen gewohnt hat, ein anderer Zar eingeschworen wurde. Sei Leben lang stand das Haus unter dem Denkmalschutz, durfte nur restauriert werden, aber niemals umgebaut, vom Abriss ganz zu schweigen.

Heute ist nur noch eine Fassadenwand geblieben.

Der Zutritt zur Baustelle wird streng bewacht, selbst der städtische Ausschuss zur Erhalt des Kulturerbes kommt hier nicht rein. Kein Wunder, denn das, was hier passiert, ist illegal: Im Zentrum von St. Petersburg, auf der Prachtpromenade Newskij Prospekt, keine fünf Minuten von dem Eremitage, wurde ein historisches Haus unter dem Denkmalschutz ohne jeglichen Genehmigungen der Stadt abgerissen. Der Grund ist einfach: der neue Besitzer, ein "respektierter Geschäftsmann", wie es im neu-russischen für die legalisierte Kriminelle heißt, will auf dem Dach des Hauses einen Schwimmbad bauen, vier Bahne je 25 Meter. Der Altbau war zu schwach, für ein Schwimmbad auf dem Dach. Also: Weg damit.

Ein Dutzend der Idealisten aus der Bewegung "Lebendige Stadt" versammelt sich auf der anderen Seite vom Newskij. Die Polizei ist sofort dabei, der Oberpolizist will erstmal nicht an die schriftliche Genehmigung der Bezirksverwaltung glauben. Diese schriftliche Genehmigung geht etwa so, auf zwei Seite im schönen Beamtenrussisch: Die Bezirksverwaltung des zentrale Bezirks St. Petersburg stimmt zu, dass zwischen 18 und 20 Uhr maximal 15 Menschen auf der Strasse stehen und kostenlose Zeitungen verteilen.


Nach zehnminütigen Verhandlungen gibt der Polizist auf. Die Idealisten aus der Bewegung "Lebendige Stadt" dürfen ihre Flugblätter verteilen. Die Passanten sind sehr interessiert, sie unterschreiben gern einen Brief gegen die Zerstörung der Altstadt. Der Baukran auf der anderen Straßenseite dreht ununterbrochen.

20. Uhr. Wassilij-Insel.
Wir fahren zu einem der Aktivisten der Bewegung "lebendige Stadt" nach Hause. Er sagt, man kann bei ihm zu Hause auf das Dach.
Er wohnt auf dem Wassilij-Insel. Hier sollte nach dem Plan von dem Peter der Grossen ein russisches Venedig entstehen, mit Kanälen statt Strassen. Doch die Bauern hatten sich damals geweigert, die aufwendigen Kanäle auszugraben.
Es ist eine so genannte "Kommunalka", oder "kommunale Wohnung", wo in fünf Zimmern fünf Familien leben. Sie teilen sich das Bad, Toilette und die Küche. Der Fahrstuhl ist keine zwei Quadratmeter groß, wir gehen zu Fuß in die sechste Etage.
In dem langen Flur hängt ein schwerer Geruch des gebratenen Fisches. Wir marschieren durch den Flur, niemand scheint da zu sein, die Türen sind geschlossen. In der Küche liegen drei Fische auf der Pfanne, der Geruch steigt. Aber auch hier ist niemand. Hinter einer kleinen Tür in der Küche ist eine zweite Treppe. Auf den Stufen sitzen zwei Frauen und ein Mann, jeder hält ein Glas in der Hand, alle sind betrunken und können kaum reden. Sie sehen die Kamera und sagen, sie rufen gleich die Polizei. Die Tür zum Dachgeschoss ist aber geschlossen.

Wir marschieren zurück. Diesmal steht eine Frau im Bademantel an dem Herd, sie dreht die schwarz angebrannten Fische. Ich sage "Guten Abend und Entschuldigung", dass wir zu zehnt durch ihre Küche gerade stürmen. Sie antwortet nichts, dreht nicht einmal den Kopf. Wir gehen durch den langen Flur. Am Ende des Flurs sitzt ein Mann in einer Trainingshose und raucht. Auch er reagiert auf nichts.

Zehn Minuten später und zwei Strassen weiter schleppen uns die Aktivisten der "lebendigen Stadt" auf ein anderes Dach. Der Blick ist schön, wir sind auf der Höhe der achten Etage. Aber ich entdecke plötzlich, was Höhenangst bedeutet. Mir wird es so schlecht, dass ich das Dach vorzeitig verlasse.
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