Auf den Spuren der Geschichte

Trip Start Jan 12, 2008
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Trip End Jan 19, 2008


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Tuesday, January 15, 2008

Das Gute an Dienstreisen ist, sie bringen nicht nur durch den Raum, sondern ab und zu auch durch die Zeit. Am Mittwochnachmittag treffen wir innerhalb von wenigen Stunden zwei Männer, deren Schicksal kaum unterschiedlicher sein könnte. Und deren heutiges Leben ein weiterer Zeugnis für die Armut der russischen Gesellschaft ist.

Dmitrij Suchodolow ist 73, Rentner und Leiter des lokalen Filiale der Menschenrechtsvereinigung "Memorial", die sich um die Opfer des Stalin-Terrors kümmert.

Nikolaj Sidorow ist 67, Rentner und Gründer eines Museum der lokalen Justizvollzugsbehörde. Seine besten Jahre hat Sidorow in einem System gearbeitet, die unter den kurzen Namen Gulag bekannt ist. Er ist "Unteroberst des inneren Dienstes" a.D.

Suchodolow kommt in einem dünnen schwarzen Mantel und ohne Schal, vor lauter Aufregung hat er seine Handschuhe vergessen, es ist minus zwanzig Grad draußen und der Wind ist stark, daran scheint er gar nicht zu denken. Er ist aufgeregt, weil er nicht oft Besuch bekommt, der von ihm wissen will, wie es hier war, zur Gulag-Zeiten. In einer billigen schwarzen Einkaufstasche schleppt er ein Stapel Papiere mit, Dokumente über die seine Rehabilitierung und die Rehabilitierung seiner Familie. Sein Vater wurde im Frühjahr 1938 erschossen, angeblich für anti-sowjetische Propaganda in einer Kolchose. "er war niemals in einer Kolchose, sondern bei der Eisenbahn, aber das hatte das niemanden interessiert".

Sidorow trägt einen dicken Wintermantel, eine warme Mütze und Lederhandschuhe. Er hat auch eine Stapel Papiere mit, er bringt sie in einem Aktenkoffer. Es sind seine Gedichte. Der Unteroberst, 33 Jahre Berufserfahrung im sowjetischen und später russischen Strafvollzug, ist lyrisch gestimmt und möchte seine Gedichte vorlesen.

Suchodolow will uns einen Ort zeigen, der für ihn besonders wichtig ist. In einem Wald am Stadtrat von Vladivostok stehen ein Gedenkstein und ein Kreuz, als Andenken an die Tausende von Opfer von dem sowjetischen Terror gegen eigene Bürger. Unser Kleinbus kämpft sich gegen Glatteis auf einer schmalen Strasse, die durch den Wald führt, immer wieder auf und ab. Suchodolow erzählt, er finanziert die Arbeit von "Memorial" aus seiner Rente, die gerade mal 110 Euro monatlich beträgt. Er redet und redet und redet und schnell entsteht der Eindruck, er will noch so vie erzählen und hat so wenig Zeit. Seine Geschichte ist erschreckend, aber seine Augen leuchten. Er selbst ist nur durch Wunder einer Verhaftung und Verurteilung entkommen, es war 1951, Stalin zwar noch am Leben, aber das Regime nicht so brutal wie in den 30er Jahren. Er kam mit Schrecken und einem gebrochenen Arm davon, nach einem Verhör.

Sidorow will uns auch an einen Ort führen, dem er viel Zeit gewidmet hat. Es ist ein Museum der Strafvollzugsbehörde der Region, das er noch zu seiner Dienstzeit gegründet hat. Der Dichter mit den kalten Augen und ohne jedes Anzeichen von Lächeln, holt uns an einer Bushaltestele in der Stadt ab. Das Museum liegt auf dem Gelände der Hauptverwaltung der Strafvollzugsbehörde der Stadt. Niemand fragt uns nach den Ausweisen - Unteroberst a.D. hat uns durch seine alte Beziehungen angekündigt, wir werden an der Hauptwache am Eingang durchgewinkt.

Die Fahrt durch den Winterwald dauert eine halbe Stunde, bis wir an dem Gedenkort ankommen. So einfach würden wir das niemals finden, es ist wirklich mitten im Wald. Der beißende Wind scheint stärker geworden zu sein, aber Dmitrij Suchodolow denkt gar nicht daran. Er zeigt uns den Kreuz und den Gedenkstein.
Beide sind sichtlich beschädigt.
An dem schräg stehenden Kreuz fehlt die Marmortafel mit der Schrift. An dem Stein ist zwar eine Tafel angebracht, und es ist geschrieben: "An alle Opfer der stalinschen Repressionen 1920 - 1950". Doch auch hier waren Vandale am Werk: Jemand hat das Wort "Stalinsche" ausradieren wollen, darauf eingehämmert, bis es kaum lesbar wurde.

Stalin erlebt eine Wiedergeburt in Putins Russland. Das Bildungsministerium hat 2007 ein neues Lehrbuch zur sowjetischen Geschichte herausgegeben, in dem es steht Stalin war gut, Gorbatschow und Jelzin schlecht. Die Zeiten ändern sich wieder mal. Und es findet sich jemand in Vladivostok, der ein Hammer nimmt uns sich auf den langen Weg zum Denkmal im Wald macht, um das Wort "stalinsche" zu löschen.

Etwa ein Kilometer von hier, erzählt Suchodolow, liegen bis zu vierzig Tausend Menschen, die auf dem Höhepunkt des Terrors in den Jahren 1937-38 erschossen und in Massengräben beerdigt wurden. Der schräge Kreuz und der Stein mit der beschädigten Schrift sind die einzigen Andenken an diese vierzig Tausend. Ihre Namen kennt niemand genau.

Das erste, was man auf dem Gelände der Hauptverwaltung der Strafvollzugsbehörde sieht, ist ein Denkmal, mit einer Glocke und einigen Namen. Ein Denkmal für die Mitarbeiter der Gefängnisse und Strafkolonien, die bei der "Ausführung ihrer Berufspflicht" ums Leben gekommen sind, so die Schrift. Auf der Tafel sind genau drei Namen. Ich darf das Denkmal fotografieren, nicht aber die Bildgalerie direkt daneben - es sind "Helden der Arbeit", besonders verdiente Mitarbeiter des Strafvollzugs. Sie müssen geheim bleiben.

Sidorow führt uns in sein Museum. Es ist ein kahler, schlecht beleuchteter Raum. An den Wänden sind mehrere Fotos angebracht, eines von Lenin, eines von Stalin, zwei von prominenten Gulag-Häftlingen, einem Dichter und einem berühmten Schauspieler, und Dutzende Fotos von verdienten Mitarbeiter des Systems.

Unser Begleiter stellt sich vor einer einzigartigen Landkarte. Es ist das ganze ferne Osten Russland darauf, und mit kleinen Stückchen Stacheldraht sind Straflager eingezeichnet. "Hier", zeigt Sidorow hoch im Norden, "hatten wir einen Lager mit 15 Tausend Häftlingen, und einer wunderbaren Produktion". Diese Häftlinge wurden aus Vladivostok mit Schiffen in die Taiga gebracht, man brauchte keine Bewachung, denn die Flucht war unmöglich, überall nur Wald.

Mitten im Wald steht Dmitrij Suchodolow, seine Hände zittern vor Kälte. "Die Stadtverwaltung hat kein Geld für die Renovierung von unseren Denkmäler", sagt er. Der Grund ist einfach: Zu Sowjetzeiten hatte die halbe Stadt für Gulag gearbeitet und davon profitiert, jetzt will sich niemand mehr daran erinnern. Man redet ungern, über die unangenehme Vergangenheit.

Auf der Landkarte im Sidorows Museum ist die Stadt Vladivostok von allen drei Seiten mit kleinen Stückchen Stacheldraht umgeben, Straflager überall. Politische Gefangene? "Sie haben wunderbar gearbeitet", sagt Sidorow. Demnächst wird das Museum in einen neuen Raum umziehen, Neubau. Die Aufseherin will unbedingt, dass ich in das Gästebuch des Museums schreibe. "Vielen Dank für die beeindruckende Führung", kritzele ich.

Der schräge Kreuz im verschneiten Wald, Andenken für vierzig Tausend Erschossene im Massengrab geht nicht aus dem Kopf.
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