Von spektakulären Strassen und einsamen Bäumen

Trip Start Jun 20, 2010
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Trip End Sep 15, 2010


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Where I stayed

Flag of United States  , California
Friday, August 27, 2010

Heute stand das eigentliche Herzstück der Küsten-Trilogie auf dem Programm. Der Abschnitt des Highway 1 zwischen Monterey und Big Sur im Norden sowie San Luis Obispo im Süden gilt als der schönste Teil der Strecke, und eine der atemberaubendsten Fahrten überhaupt auf der Welt. Auch diese ist per ÖV nicht ganz zu erleben, aber etwas anknabbern konnte ich sie dennoch. Das lokale Busunternehmen schickt nämlich glücklicherweise dreimal pro Tag einen Minibus runter bis nach Big Sur. Das sind zwar nur 50 der 200 Kilometer, aber immerhin. Und bei 5 Franken für 2 Stunden Busfahrt kann man ja auch nix sagen.

 
Diese kalifornischen Küstenorte gefallen mir übrigens aus einem ganz besonderen Grund. Der Nebel verzieht sich eh erst am Mittag, was bedeutet, dass ich ohne schlechtes Gewissen tüchtig ausschlafen kann! So ging es dann um 13 Uhr los. Monterey war noch immer eingenebelt, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Ganze 5 Leute an Bord - ich, zwei Quebecoises (Aigus mögen die Leser wie immer nach Belieben selber verteilen) die sehr viel Wert darauf legten, nicht einfach als Kanadierinnen bezeichnet zu werden, sowie ein durchgeknalltes Mittfünfziger-Pärchen in Schamanenkleidung, komplett mit Totenkopf-Wanderstäben und Alkoholfahnen. Wahrscheinlich aus dem Irrenhaus entlaufen. Oder aus Texas. Komplettiert wurde das bunte Trüppchen von einem Busfahrer, der die kurvige Küstenstrasse offenbar als seine persönliche Rennstrecke betrachtete und seinen Ford-Minibus in so halsbrecherischer Manier über die enge Strasse hetzte, dass selbst die dauerpalavernde Möchtegern-Schamanin ihr Gebrabbel bald einmal einstellte und sich verkrampft am Vordersitz festklammerte. Aber was beschreibe ich da auch Personen - draussen klarte es auf und das Naturschauspiel nahm seinen Lauf.


 
Die Fahrt war wirklich ein Erlebnis der Sonderklasse. Die enge und kurvige Strasse führte von Panorama zu Panorama. Freilich war das fotografieren mehr schweisstreibende Arbeit als entspannter Busreise-Genuss. Bei unserem Affenzahn blieb keine Sekunde Zeit, die vielen atemberaubenden Ausblicke festzuhalten -geschweige denn zu geniessen!-, bevor wieder ein Baum oder eine Leitplanke ins Bild huschte. So verbrachte ich dann ne ganze Stunde hochkonzentriert hinter dem Sucher, den Finger schussbereit am Abzug und die Kamera eingeklemmt zwischen Nase und Fenster, was angesichts der aprupten Manöver unseres California-Schumis beidseits der Fotokanone zu mehreren Schrammen führte. Aber es lohnte sich durchaus...

Wir waren schon auf der Rückfahrt und wieder in den Nebel von Monterey eingetaucht, da war der Tag eigentlich zu ende - hätte nicht plötzlich für eine Sekunde die Sonne durch die Wolkendecke geblinzelt. Ich Optimist sah natürlich schon wieder stahlblauen Himmel  und war plötzlich voller Tatendrang. So bat ich den Fahrer, mich vor der hübschen Missionskirche am Strassenrand rauszulassen.  Das tat der noch so gerne und kam mit quietschenden Reifen derart schnell zum stehen, dass ich beinahe mitsamt meinem Sitzbank ausgestiegen wäre - durch die Frontscheibe versteht sich. Die Kirche trug den Namen Mission San Carlos Borroméo del río Carmelo (also heute ist es nicht meine Schuld, wenn ich die 6 Absätze überschreite!), stammt in der heutigen Fassung aus dem Jahre 1883 und war zwar nett, aber angesichts des trüben Wetters dann doch schnell abgehakt. 

Noch hatte ich aber Zeit bis zum nächsten Bus und entschloss mich, etwas durch die Gegend zu latschen. Nach wenigen Minuten stiess ich auf einen schönen Strand, und auch über mir sah es immer freundlicher aus. Ich folgte mit den Augen der Küstenlinie, die da weit entfernt im Nebel verschwand. Und da kam mir ein Eintrag aus meinem Reiseführer in den Sinn. Irgendwo dort drüben hockt "the lone cypress", ein windgepeitschter Baum auf einem Felsvorsprung. Eigentlich wollte ich den morgen per Fahrrad einsammeln. Aber ich hatte ja Zeit und die Hoffnung auf Sonnenschein. Was meint mein iPhone? 8 Kilometer hin, noch zwei weitere Kilometer zur Busstation. Letzter Bus fährt dort in zwei Stunden. Könnte passen, wenn ich mich spute!

Tja, liebe Naturfreunde. Wer kann von sich behaupten, für einen einzigen Baum 90 Minuten gelaufen zu sein, Hand hoch? Müsste mich wohl langsam umtaufen lassen: Walker, Texas Ranger, würde passen. Wäre dann zwar California, aber anyway. Ich genoss die die pompösen Villen am Strassenrand, die stiffe Brise und den typischen Meeres-Geruch und legte die Kilometer in Windeseile zurück. Bei der einsamen Zypresse angekommen war die Aussicht natürlich nichts im Vergleich zur Küstenstrasse, aber dafür konnte der arme einsame Baum ja nichts. Und überhaupt: Was auf einer Autofahrt bloss ein weiterer Knipser am Strassenrand gewesen wäre, war nach dieser Schnell-Wanderung ein weit befriedigerendes Erlebnis. Diese Lauferei hat auch ihre guten Seiten!

Ich erwischte dann auch den letzten Bus in die Stadt noch - 30 Sekunden vor Abfahrt stand ich an der Haltestelle. Kein schlechtes Timing bei zwei Stunden Nonstop-Bewegung - auch wenn die letzten 5 Minuten zugegebenermassen eher unter "Run, Forrest, Run" zu verbuchen sind als unter "Walker". Nun gerade so richtig warm gelaufen, sprang ich extra viel zu früh aus dem Bus und erledigte auf dem Nachhauseweg noch kurz die über-kitschige Touristenpromenade von Monterey, wo in ehemaligen Sardinenbüchsenfabriken nun allerlei überteuerte Souvenirs feilgeboten werden. Die farbigen Stelzenhäuschen waren dann ziemlich fotogen - und just bevor das Licht weg war, konnte sich endlich auch noch die darüber postierte Fahne dazu durchringen, etwas im Wind zu flattern - jaja, da bin ich pingelig! 


Nochmals eine Stunde Sightseeing also, aber immerhin mehr oder weniger flanierenderweise. Immerhin, so kam ich in den Genuss einer lokalen Spezialität: Clam Chowder, eine zähflüssige Muschelsuppe. Serviert im Plastikbecher. Aber wenn man Hunger hat -es war die erste Mahlzeit des Tages- wird das Auge gerne mal vom mitessen ausgeschlossen. Zum Glück merkte ich erst jetzt wieder, wie sehr ich Seafood mag, sonst wäre das Budget auf meiner Reise wohl noch viel ärger strapaziert worden!
Das ganze genoss ich unten am Pier, mit wunderschönem Ausblick auf Boote im Sonnenuntergang und herumtollende Robben. Was so ein kleines Sonnenloch nicht alles auslösen kann...

 

English
Round 3 of Tis vs. the California Coast, and I wasn't doing too bad! Luckily, they run a bus down the coast, on what is known as the most scenic stretch of the coastal highway. Not the whole deal, but at least 50 of 200 kilometers to a clutter of houses called the Big Sur. And it was one of the most amazing drives ever. Words fail to describe it, so have a look at the pictures and imagine getting views like that after every turn for a whole hour. Back in foggy Monterey, I caught a short glimpse of sunshine. Together with my optimism, this had me energized in no time and so I started walking again. I walked for 90 minutes until I stood face to face with 'the lone cypress', a touristy landmark sitting there all by itself on its craggy rock in the middle of the raging sea. Have you ever walked 1.5 hours for a single tree? Well, strangely enough, even though it clearly lacked the grandeur of the coast before, it felt much more rewarding than just pulling up in a car and snapping away. Guess this walking thingy really has some positive side effects. Either this, or that strange local mussle soup I had for dinner is happily chewing away at my brain pushing me into insanity.
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