Wandern am Abgrund

Trip Start Jun 20, 2010
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Trip End Sep 15, 2010


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Flag of United States  , Utah
Friday, August 13, 2010

Heute stand zum Auftakt der Nationalparkserie die Wanderung an, auf die ich schon mehrere Monate gespannt blickte. Angel's Landing, der Felsen mitten im Zion Canyon. Mit gut 8 Kilometern ist das Abenteuer nicht allzu lang und die 400 Höhenmeter sind auch kaum der Rede wert. Speziell ist -neben dem Ausblick von oben natürlich, sonst wäre ich ja nicht hier- aber der letzte Kilometer, und der hat's in sich. Auf einem schmalen Grat pirscht man sich zum Gipfel vor, während es links und rechts mehrere hundert Meter senkrecht in die Tiefe geht. Viele Wanderer machen an diesem Punkt wieder kehrt, und das ganze ist auch tatsächlich nicht ungefährlich - rund 10 Todesopfer hat die Wanderung in den letzten 10 Jahren gefordert, das letzte im April dieses Jahres. 

Alles super Aussichten also, und die vielen Schreckens-Stories im Internet waren auch nicht allzu aufbauend. Zudem war Freitag der 13., ich schlief passenderweise auch noch im Zimmer 113, und Wanderschuhe hatte ich natürlich auch keine dabei. Und dann war da noch die Tageszeit. Es wird empfohlen, den Aufstieg morgens zwischen 6 und 8 zu absolvieren - wir sind ja hier immer noch in der Wüste, die Sonne brennt später erbarmungslos nieder, und die Temperaturen kratzen an der 40-Grad-Marke - im Schatten wohlverstanden, nicht im aufgeheizten Fels an der prallen Sonne. Allerdings steht einem die Sonne am Morgen genau im schönsten Panorama drin, und für ein paar milchige Gegenlicht-Schnappschüsse tut sich der Meyer diese Strapazen nicht an. Es half also alles nix - ich musste diesen höllischen Engelsfelsen in der sängenden Mittagshitze erklimmen. Was tut man nicht alles für ein paar nette Bilder. 

Als ich dann aber aus dem Zimmer trat, waren die Zweifel wie weggeblasen - wenn man schon im Motelhof von einer so tollen Aussicht begrüsst wird, kann ja gar nichts mehr schiefgehen! Und auch sonst wird einem hier ein reibungsloses Wandererlebnis ermöglicht. Der riesige Supermarkt hat alles vom Sushi bis zur Kokosnuss, auch wenn sein Vorrat an Wasser und Power-Riegeln nach meinem Streifzug bedrohlich gesunken war. Und dann gibt's den super Gratis-Bus-Service, der einem im 6-Minuten-Takt zu allen Wanderungen bringt. An der Busstation lernte ich dann auch noch einen netten New Yorker mit dem selben Tagesprogramm kennen, und wir entschieden wohl innerlich beide, dass es gescheiter ist, den Schreckenspfad gemeinsam zu beschreiten. Wenig später war es dann soweit, wir entstiegen als einzige dem proppevollen Bus - sonst wohl niemand verrückt genug für diese Unternehmung. 

Während den ersten paar Kilometern stieg der Pfad mal mehr, mal weniger steil an, war aber im Grossen und Ganzen nicht allzu speziell. Schliesslich waren wir am Fuss des Felsens angelangt, und es ging über knappe 30 in den Berg gehauene Serpentinen im 10-Meter-Takt in schweisstreibender Sysiphusarbeit steil bergauf - jaja, der Fels hatte sich schon seeehr schön aufgewärmt, und wir hatten das Gefühl, einen Backofen zu erklimmen. Immerhin schwitzt man bei 10% Luftfeuchtigkeit kaum, was mich im Hinblick auf den Wäscheplan sehr froh stimmte. Oben ist Scout's Lookout, von wo jeweils Dutzende Nicht-Schwindelfreie wehmütig ihren Familienmitgliedern bei der Kraxelei der letzten Meile zuschauten. Ja, es half alles nichts, nun standen auch wir vor dem berüchtigten Grat und blickten zu unserem Ziel hoch.

Mein New Yorker Kollege stürmte sicheren Schrittes voran, und ich zottelte knipsend und keuchend hinterher. So schlimm war die Sache dann aber gar nicht. Ja, an einigen Orten war der Pfad wirklich kaum einen Meter breit, und links und rechts wartete der dunkle Abgrund. Aber solange man es schafft, geradeaus zu gehen, kriegt man keine Probleme. Und überall, wo rutschige Kletterpartien angesagt waren, haben die sicherheitsbewussten Amis Tritte in den Fels gehauen und das ganze mit Ketten gesichert. Okay, zu unserer Wanderzeit waren auch die Ketten schon sauheiss - aber lieber versängte Hände als die andere Option. Interessant wurde es nur, wenn man absteigenden Wanderern ausweichen und sich zu diesem Zweck von der sichernden Kette entfernen musste - aber auch das überstanden wir schliesslich, und standen nach nur 1h20min (veranschlagt waren 2-3 Stunden) auf dem Gipfel. 

Die Aussicht war natürlich so fantastisch wie erwartet, und die Plackerei in der Mittagshitze hatte sich voll gelohnt. Das Licht war perfekt, um den riesigen Canyon unter uns genau richtig auszuleuchten. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert! Der New Yorker hatte mir inzwischen noch erzählt, dass er als Soldat in der Navy dient - na, da ging mir aber bezüglich unseres Tempos ein Licht auf! So liess ich ihn dann noch so bereitwillig ziehen, als er zum Aufbruch drängte, und blieb alleine oben. Auch ein Vorteil des späten Aufstiegs: Der morgendliche Touristenstrom war schon längst wieder abgeebbt und ich genoss die absolute Stille hier oben, während ich ehrfürchtig auf den gewaltigen Canyon hinunterblickte, der sich zu meinen Füssen ausbreitete. 



 




 
Okay, ganz alleine war ich dann auch nicht. Vorwitzige Streifenhörnchen flitzen da ohne jeglichen Anflug von Höhenangst auf dem Gipfel herum, und knabbertenn an allem, was nicht aus 15 Metern als Stein erkennbar war. Mein Rucksack und das Fach mit den Äpfeln (ohne Apfel geht ein Schweizer wohl nie auf Wanderung...!) hatte es ihnen besonders angetan, und dass sie nicht noch kopfüber hineinsprangen war auch gleich alles. Immerhin liessen sie auch die Foto-Session unbekümmert über sich ergehen, und ich kann auch noch ein Wildlife-Bild mit nach Hause nehmen. In dieser Grösse ist mir das einiges lieber als beim Exponat von Winter Park. 

 
Nach ganzen drei Stunden 'on top' war die schwere Zeit des Abschieds und Abstiegs gekommen. Letzterer war dann eine Angelegenheit für sich. Zum einen hatte ich meinen Navy-Pacemaker nicht mehr, und so verlor ich dann gerne mal den nicht markierten Pfad. Wie man das bei einer Breite von 5-10 Metern fertigbringt, keine Ahnung, aber anyway. Zum anderen waren meine Schuhe nun mit ihrem Grip am Ende, und das Gekraxel verkam teilweise zu einer ziemlichen Schlitterpartie. 5 Stunden nach dem Aufbruch und um 4 Liter Wasser leichter (mit der fünften Flasche habe ich zwei geschundene Kalifornier vor dem Verdursten gerettet) kam ich wieder unten an - heil und auf dem angedachten Pfad. Schliesslich spielte ich noch etwas mit den Bus-Verbindungen, und stoppte mal hier, mal dort, um noch etwas Canyonwelt im Abendlicht auf den Chip zu bannen. Und nun sitze ich nach ausgiebiger eiskalter Dusche seit 3 Stunden vor der Air-Condition und frage mich, wann ich wohl zu glühen aufhöre. War vielleicht doch etwas zu warm heute - aber das war's allemal wert...:-))





 
English

Today I could finally enjoy a hike I had been looking forward to for quite some time. It's not the 5 miles or the 1000ft elevation gain that makes it special - but the last mile, on a small path along an exposed ridge, with intimidating drops on either side. Normal people undertake the ascent in the early morning hours, when it's nice and cold. Photographers looking for good light at the top scramble all the way up in the baking heat around high noon. Well, I survived the heat, and the final stretch along the ridge wasn't all that bad either, thanks to steps carved into the stone and hundreds of meters of chains running along the trail, providing some safety. All the work paid off when I reached the top, looking down on the perfectly lit, tremendously impressive canyon far below. An amazing sight, an amazing hike - an amazing day!
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Comments

Danilo on

Ja, lieber Tis, da muss ich einfach etwas schreiben: Wie du ja schon im FF erwähnt hast (vielen Dank für den netten Kommentar!), sind die Rollen tatsächlich vertauscht: Du kraxelst an Orten meiner Träume über schwindlige Pfade zu atemberaubenden Engelslandeplätzen und ich jage auf Heimatboden Aviatischem nach. Nun hast du also die spektakulärere Tour und weniger hohe Tour gewählt. Die Bilder sind dir toll gelungen, der Bericht ist absolut top! All das Gezeigte ist für mich nur zu verdauen, weil ich weiss, dass am 25.09. beim Flug LX40 Platz 35K besetzt sein wird.

Alles Gute für die Ziele, die du in Uncle Sams Land noch vorhast!

Dani

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