Auf einsamen Strassen durch Süd-Texas

Trip Start Jun 20, 2010
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Trip End Sep 15, 2010


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Flag of United States  , Texas
Wednesday, July 28, 2010

Heute ging's von den Alpen (haha) wieder zurück nach Norden in die Zivilisation. Allerdings nicht, ohne noch einen kleinen Umweg einzubauen. Bevor sich der Bus nämlich ins Flachland aufmacht, sammelt er auf einer vierstündigen Runde nach Süden erst noch Gastarbeiter an der mexikanischen Grenze ein - allesamt komplett mit Sombrero und dichtem Schnauz übrigens. Dank meinem Bus-Pass war dieser zusätzliche Bus-Spass gratis - wieso also nicht noch etwas in der Steppe rumsauen, wenn Alpine schon nichts mehr zu bieten hat? Oder wie es die Jungs von Lonestar -mit denen ich sonst nicht allzu viel anfangen kann- in "What about now" so nett formulierten : "And that road rolls out like a welcome mat / I don't know where it goes, but it beats where we're at."


Doch zuallererst galt meine Aufmerksamkeit nochmals Alpine. Da gab's nämlich noch einen zweiten Hügel auf der anderen Seite des Städtchens - ihr ahnt es...Auf der Suche nach einem Pfad hoch (eine Strasse wäre natürlich auch noch vorhanden gewesen, aber da sträubt sich der Schweizer in mir), irrte ich etwas durch die Nachbarschaft - sehr zum laut bekundeten Unmut der vierbeinigen Einwohnerschaft. Die Suche blieb erfolglos, und so kraxelte ich halt diretissima über Stock und St...äh, Palmen und Kakteen den vermaledeiten Hügel hoch, und hoffte, dass sich meine Begegnung mit der lokalen Fauna nicht auch noch auf Schlangen und ähnlich unpraktische Viecher erstrecken würde. Ich kam ungebissen oben an, genoss die nette Aussicht - und realisierte beim Blick auf meine Unterkunft dann auch, dass diese elenden Güterzüge ja tatsächlich genau hinter meiner Zimmerwand durchratterten.

Dann war die Zeit für's Abenteuer Presidio gekommen - so heisst  das Grenzörtchen, nach dem sich das Tagesprogramm richtete. Okay, ich wusste ja schon aus Google StreetView, dass es kaum je einen Schönheitspreis gewinnen würde, aber ich musste es ja unbedingt wieder selber sehen. Kurz zusammengefasst: Es war düster, heruntergekommen und dreckig. Die wenigen Häuser kurz davor, vor der Schwerkraft zu kapitulieren, dazwischen grosse brache Flächen, geschmückt mit Abfallbergen und vor sich hin gammelnden Autowracks. 



Da war die Frage nicht ob, sondern nur welche Gefahr hinter der nächsten Bruchbude lauern würde; ein verzweifelter Desperdado, ein Rudel tollwütiger Hunde oder gleich die mexikanische Drogenmafia. So siegte dann die Vernunft, ich liess meinen geplanten Blick über die Grenze sausen und trottete nur etwas um die Busstation herum. Das einzig mexikanische, was ich erblickte, war ein Nummernschild aus Chihuaua. Wau! Achja, obwohl "in a south Texas bordertown", ward natürlich auch der "little dark-haired boy who played the Tennessee Flat Top Box" nicht gesehen oder gar gehört.



 Zeit für die Rückfahrt. Wenn schon Presidio etwas ein Reinfall war, wollte ich wenigstens noch ein paar "einsame Strasse mitten im Nirgendwo"-Bilder schiessen. Der Busfahrer verstand schon beim Zusteigen in Alpine trotz mehrmaliger begeisterter Erklärung natürlich überhaupt nicht, was mich auf die weltfremde Idee brachte, freiwillig vier unnötige Stunden und überflüssige 200 Kilometer mit ihm rumzugondeln. Als ich jetzt auch noch die Kamera zückte und begann, die Strasse zu fotografieren, erklärte er mich wohl definitiv für übergeschnappt und gab mir das auch bei jedem weiteren Blickkontakt zu verstehen - oder er ist professioneller Augenroller und bereitet sich auf die Weltmeisterschaft vor. 

Mir egal, die Fahrt entsprach ungefähr den Erwartungen, und ich konnte nochmals ein Auge voll endloser Texas-Steppe nehmen - auch wenn sich leider dichte Gewitterwolken vor die Sonne geschoben hatten und der Landschaft etwas die Schönheit nahmen. Nach insgesamt sieben Stunden und 500 Kilometern Ankunft in der Autobahn-Stadt Odessa, welche mit dem Original in der Ukraine immerhin das Öl-Business als zentralen Wirtschaftszweig gemeinsam hat. Ich bin aber nur hier, um morgen früh den Greyhound nach Westen zu schnappen, und mir vorher etwas Schlaf zu gönnen. Vier Motels standen zur Auswahl, drei mit wiederholten Sichtungen von Kakerlaken und blutbefleckten Bettlaken, sowie eines 20 Dollar teurer. Welch gemeine Erpressungsmethode. Aber es hilft alles nichts. Augen zu - und Brieftasche auf...


English
Time to return to civilisation. However, not without a little detour - a mere 4-hour return trip down to a town named Presidio, right at the Mexican border, and back - before finally heading up north. Well, the driver already called me crazy when I revealed my intentions of riding around the desert just for the fun of it. But it wasn't till I started snapping pictures of the road, that he really began doubting my sanity - and boy, he couldn't stop shaking his head for the entire rest of the 7-hour drive! The short stint in Presidio confirmed what I'd suspected from my research: The town's one dark and dirty hellhole, the many derelict buildings adding to the general air of decreptitude. Not willing to turn around a corner only to bump into some crazy Desperado or even the Mexican mafia, I didn't venture too far from the bus stop and was happy to leave again. Made my way into the oil-town of Odessa, calling it a day here, catching some sleep and hopping on a westbound Greyhound first thing tomorrow morning. 
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Comments

Daniel on

Hallo Tis

Ich bin eigentlich eher durch Zufall auf deinen Blog aufmerksam geworden und hätte lediglich deinen FF- Bericht sehnsüchtig erwartet (Was ich natürlich immer noch tue!). So gehöre ich nun aber zur treuen Stammleserschaft deiner täglichen Berichte und warte allmorgendlich gespannt, bis das tägliche Update reinkommt.
Dein Schreibstil gefällt mir sehr gut, die gewohnt hochqualitativen Bilder tun ihr Übriges.

Ich finde es toll, dass du dir jeden Tag die Zeit nimmst, interessierten Menschen einen Einblick in deinen Reiseablauf zu gewähren und an deiner großen Unternehmung teilhaben zu lassen.

Ich wünsche dir noch viele schöne Tage (jetzt wird es wohl erstmal wärmer), weiterhin eine tolle Reise, viele neue Eindrücke und mach weiter so wie bisher!

Grüße aus dem bewölkten Deutschland,
Daniel (Dan83@FF)

PS: Verrätst du mir, mit welchem Picture Style du fotografierst (z.B. "Little (...) Havanna" ist einfach wahnsinn!) und ob die Bilder (abgesehen von evtl. Schärfe / Kontrast) out-of-camera sind? Fotografierst du nur jpeg oder raw?

tiszrh
tiszrh on

Hallo Dan,

vielen herzlichen Dank für deine Zeilen und die netten Worte - das freut mich natürlich sehr und ist zugleich Ansporn, im gleichen Stile weiterzumachen (auch wenn das irgendwie immer zu wenig Zeit zum schlafen lässt *gg*)

Einen speziellen Bild-Stil (?) habe ich nicht eingestellt. Allerdings fotografiere ich immer wenn die Sonne scheint mit einem Polfilter - der hilft, die Farben kräftiger zu machen und den Himmel so schöööön blau. Die Bilder sind allesamt nur JPG - habe mich noch immer nicht mit RAW angefreundet, und das wäre bei so einem Trip auch eine gigantische Datenmenge.

Die Bilder bearbeite ich an meinem Netbook [also mehr oder weniger im Blindflug] mit Photoshop CS 2 - erst ausschneiden (crop), dann hauptsächlich Tonwertkorrektur (Helligkeit), Kontrast (zwischen +3 bis +15), Sättigung (meist so um +5) und etwas nachschärfen. Sind also nicht mehr wirklich out of camera, sondern gehen in die Richtung, wie ich sie will *gg*

Noch einmal vielen Dank und hoffentlich weiterhin viel Spass bei der Lektüre!

Tis

Oli on

Hey Tis
Wenn ich auch noch eine Frage anhängen dürfte: Wie speicherst bzw. sicherst
du die Fotos unterwegs? Chip? Netbook? Platte? Doppelt?
Ja, mach genau so weiter, auch wenn du gar nicht mehr schlafen kannst =))
Oli

tiszrh
tiszrh on

Hoi,

in der Tat eine wichtige Frage! Natürlich sind die Bilder zum einen auf dem Netbook. Habe mir aber schon am ersten Tag, in Bangor, eine externe Festplatte besorgt (noch so ein crazy Souvenir *gg*) und speichere die Fotos immer mal wieder raus. Die Platte reist im grossen Rucksack, der Netbook in meinem persönlichen - Stichwort Diversifikation, falls das eine geklaut wird, oder so...:-))

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