Mit Amtrak durch die Wüste

Trip Start Jun 20, 2010
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Trip End Sep 15, 2010


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Where I stayed

Flag of United States  , Texas
Tuesday, July 27, 2010

Nein, Amtrak ist kein Sohn tschechischer Einwanderer, sondern die nationale Eisenbahngesellschaft hier. Jaja, Züge gibt's ja auch noch - auch wenn sie nicht viel vorzuweisen haben, um sich ins Gedächtnis einzubrennen. Zuerst mal gibt's nur eine sehr beschränkte Anzahl Langstrecken-Routen. Dann fahren die Dinger auch nicht im Stundentakt, sondern wenn's hoch kommt einmal täglich. Und schliesslich sind sie oft hoffnungslos verspätet - die Strecken sind meist eingleisig, die Gleise gehören irgendwie den Güterzug-Unternehmen, und die gewähren natürlich ihren eigenen Zügen den Vortritt. Man sieht also, die Sache ist etwas tricky. Trotzdem hab' ich's heute mal versucht - vor allem, weil der Zug durchs texanische Hochland tuckert, das wohl noch nie einen Bus gesehen hat. 620 Kilometer bis Alpine, Texas - gute sieben Stunden Fahrt. 
 
Immerhin, schöne Namen haben sie, die Zugs-Routen. Meine hiess "Sunset Limited" und verband einst Kalifornien mit Florida - heute ist allerdings bereits in New Orleans Schluss. Der schönste Name hilft aber auch nicht beim aufstehen, weil dieser depperte Zug natürlich wieder zur unchristlichsten Zeit überhaupt, um 05:40, fahren muss. Schnell habe ich den richtigen der silbernen Doppelstock-Wagen gefunden und mich in der Dunkelheit über ausgestreckte Extremitäten und am Boden liegende Kinder zu meinem Platz vorgekämpft. Wenig später grosses Getröte, aha, es geht los. Der Zug muss bei jedem der zahlreichen Bahnübergänge kräftig hupen, was die Anwohner morgens um 6 sicherlich sehr freut und wohl mehr Herzinfarkte verursachen dürfte, als es Zusammenstösse verhindert. Ziemlich bald sind wir aus der Stadt raus, der Koloss nimmt Fahrt auf, und die soeben aufgegangene Sonne taucht die weitläufigen Felder in einen warmen, goldenen Farbton. 
 
Schonmal nicht schlecht. Sehr bald schon wird die Vegetation spärlicher, der Boden staubiger - wir befinden uns in den Ausläufern der Chihuahua-Wüste, eine der vier Wüsten der USA. Da gondelt man nichtsahnend durchs flache Ödland, und plötzlich ziehen sie einem den Boden unter den Füssen weg. Ah, das war die Pecos River Bridge - eine der höchsten Eisenbahnbrücken der USA. Weiter geht die Fahrt, mal an sanften Hügeln, mal an schroffen Felsformationen, mal an zerklüfteten Canyons vorbei. Bei der letzten Station ist auch eine Handvoll Park Ranger im Pensionsalter eingestiegen, die nun voller Enthusiasmus die vorbeiziehende Szenerie kommentieren und offensichtlich zu jedem Kaktus auf der Route mindestens eine Geschichte zu erzählen wissen. Das ist doch mal Service - wäre für den Glacier Express auch eine Idee! 

Sicherlich, die Landschaft ist karg, nicht wirklich einladend, und offengestanden nach sechs Stunden auch langsam etwas monoton. Trotzdem hat sie ihren ganz eigenen Charme, für den ich mich durchaus begeistern konnte. Nach guten sieben Stunden Fahrt durchs Niemandsland kommt der Koloss punktgenau vor dem kleinen Stationshäuschen von Alpine zum Stehen und spuckt mich und wenige weitere Reisende aus. Hei wirkt der Zug monströs, wie er da so mal eben das lokale Bahnhofsgebäude überragt! Die nicht minder imposante Lok zischt, faucht und brummt furchteinflössend vor sich hin. Abermals ertönt das Horn so laut, dass auch der hinterletzte schlafende Cowboy im Tal von seinem Gaul fällt,  der Tross setzt sich wieder in Bewegung und lässt mich zurück. Hier bin ich nun also, mitten im texanischen Nirgendwo. Was habe ich mir dabei nochmals genau gedacht?

Erste Erleichterung macht sich breit, Subway und McDonalds haben es auch schon hierhin geschafft. Immerhin, verhungern muss ich nicht. Hinter der Highschool hab' ich einen Hügel entdeckt - und muss natürlich sofort da hoch. Wenig später finde ich mich inmitten von Stechpalmen und Kakteen wieder, die Aussicht auf die umliegenden Landschaften und das Städtchen Alpine ist ziemlich schön. Was an Alpine ausser der Höhe von 1'100 m.ü.M. so alpin ist, erschliesst sich mir allerdings nicht wirklich. Ich glaube vielmehr, dass da irgendwelche Schweizer Einwanerer ihre Finger im Spiel hatten und sich ein Denkmal setzen wollten - immerhin trägt auch der Airport den Namen Casparis, schweizerischer geht's ja gar nicht mehr. Wenigstens erfolgte die Namensgebung nicht ganz so plump wie bei den Deutschen Kollegen - Gruezitown oder New Landquart wäre ja noch einiges schlimmer gewesen als ein nicht ganz gerechtfertigtes Alpine!

Von oben sieht das grossflächige Alpine, Heimat von immerhin 6'000 Leuten, ganz stattlich aus. Auf meinem Gang durchs Zentrum war davon dann aber nichts mehr zu spüren und ich fühlte mich eher wie in einem kleinen Bauerndorf. Fünf Farm-Kreditbanken, vier Autohändler, drei Kirchen, zwei Saloons, ein Yoga-Studio (in einem ehemaligen Saloon). Dem Zugbegleiter bin ich innerhalb von 90 Minuten dreimal über den Weg gelaufen, meinen Sitznachbaren zweimal. Auf den Strassen sieht man fast ausschliesslich Pick-ups. Eine Hauptstrasse oder ein Dorfzentrum mit schönen Gebäuden fand ich dagegen nicht. So zog ich mich ohne wirklich was gesehen zu haben wieder in meine Unterkunft zurück und genoss die Motel-Atmosphäre, indem ich das Abendessen (natürlich einen Southwestern Salad von McD) idyllisch vor meinem Zimmer sitzend vertilgte. Und jetzt wäre eigentlich Schlafenszeit, aber die jagen draussen einen Frachtzug nach dem anderen durch. Und Bahnübergänge hat es nicht wenige - welch herrliche Symphonie! [so tönt das dann im Zimmer]...


English
Today I tried yet another means of transport, the mighty Amtrak train - or the "Sunset Limited", running from New Orleans to California, to be precise. The trip from San Antonio to Alpine in southwest Texas highlands was extremely scenic: The scenery around got more and more dry and barren while we made our way across parts of the Chihuahua Desert, with various hills, ridges and canyons spotted. After 7 hours I arrived in Alpine, a tiny ranching community in the middle of texan nowhere. Spotted a hill and immediately felt the urge to climb it, rewarding great views of Alpine, its mountainous surroundings and the wide open spaces beyond. Downtown gave me a hard time finding anything to take pictures of, and so I retreated to my motel pretty soon and enjoyed having dinner outside my room. And now, instead of sleeping, I'm listening to the passing freight trains, which sound as if they were rolling right through my room!
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Comments

Oli on

Genau - Jetzt kommst du in mein Gebiet ;) - Diese Landschaften sind genau
das, was ich in den USA liebe. Aber es kommt noch besser...du wirst sehen!

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