Toscanische Impressionen
Trip Start
Unknown
1
Trip End
Ongoing
Anlass für diese toscanischen Impressionen war unser Kurzurlaub in der Toscana
Prolog
Geschichte einer langjährigen Freundschaft
Waltraud und ich studierten zusammen im gleichen Semester Chemie. Meine
damalige Freundin und spätere Frau hatte sich für die Juristerei
entschieden. Wir und noch zwei, drei Andere bildeten eine
unzertrennliche Clique.
Nach den Vorlesungen und auch zwischendrin trafen wir uns regelmäßig bei
Luca. Lucas Laden war eine Institution in unserem kleinen
Universitätsstädtchen. Er betrieb zusammen mit einem Cousin einen
Lebensmittelimport, italienische Spezialitäten, Olivenöl und Wein. Neben
dem Laden, in einem winzigen Raum, standen drei Tische an denen er uns
Antipasti, Käsestückchen und natürlich den unvergleichlichen Wein zum
verkosten anbot. Wir redeten oft bis in die Nacht, es war wie ein
zweites Wohnzimmer für uns.
Es kam wie es kommen musste, sie konnte seinem südländischen Charme
nicht widerstehen. Waltraud und Luca verliebten sich ineinander und
wurden ein Paar.
Als nach wenigen Jahren Lucas Vater starb, betrieb der Cousin die Firma
alleine weiter, und Waltraud und Luca bewirtschafteten den Hof in der
Umgebung des kleinen Städtchens im Chianti und bauten Oliven und Wein
an.
Als wir noch in Franken und bei München lebten, war es Tradition
regelmäßig gemeinsam das Oktoberfest zu besuchen. Auch für Italiener ein
ganz besonderes Ereignis.
Seit Jahren versuchen wir wenigstens einmal im Jahr ins Chiantigebiet zu
fahren und wohnen ein paar Tage oder Wochen bei den Beiden. Sie haben
uns auch schon hoch und heilig versprochen, uns demnächst in der
Oberlausitz zu besuchen. Die beiden Söhne sind jetzt so weit, den Hof
auch einmal alleine zu führen.
Und morgen beginnt unsere Reise.
Toscanische Impressionen I
Die italienischen Momente beginnen für uns, wenn wir unser Auto auf dem
Parkplatz abgegeben haben und unser kleines Hotel an der Via Nazionale
erreicht haben. Hier im Herzen von Florenz beginnt Italien, das richtige
Italien. Von unserem Zimmer unter dem Dach können wir auf die
ziegelrote Kuppel, Brunelleschis Domkuppel blicken. Im Hof stehen ein
paar Palmen und Zitronenbäume und wir liegen uns glücklich in den Armen,
froh darum wieder daheim zu sein in La Fiorentina, unserem Florenz.
Wir ziehen uns frische Klamotten an, laufen um ein paar Ecken an der
gusseisernen Konstruktion der Markthalle vorbei, über den von Menschen
wuselnden Ledermarkt und erreichen die kopfsteingeflasterte Piazza an
der Kirche San Lorenzo. Ein Glas Wein als Willkommenstrunk, dafür muss
Zeit sein. Ein Tischchen unter der Markise ist noch frei. Viele, sehr
viele Touristen aus allen möglichen Ländern schlendern über den Platz.
Ich betrachte einmal mehr die archaische Fassade der Medicikirche. Mehr
von Florenz ist heute nicht drin. Vielleicht bleibt uns morgen früh zum
Abschied noch der grandiose Blick von der Piazzale Michelangelo über das
Stadtpanorama.
Dann laufen wir zurück, die paar Meter am Park vorbei zu unserem kleinen
Ristorante, wo wir im Innenhof unter Bäumen zu Abend essen.
Die Luft ist lau, Grillen begleiten mit ihrem Konzert unser Mahl. Wir
teilen uns eine große Schüssel Bauernsalat und trinken dazu den offenen
roten Hauswein, ein gehaltvoller Roter von den Hügeln des Chianti.
Kerzen brennen auf den weißgedeckten Tischen, im Hintergrund begleiten
uns leise italienische Musik, leichtes Gläserklirren und Wortfetzen. Die
blühenden Sträucher und Blumen im Garten verbreiten einen betörenden
Duft. Endlich ist es wieder warm, nach unserem verregneten August
genießen wir die lauen Temperaturen.
Nach dem Frühstück laden wir unser Handgepäck ins Auto und verlassen
Florenz. Die Straße zur Piazzale Michelangelo ist verstopft von
Ausflugsbussen. Schweren Herzens verzichten wir auf den Abstecher.
Gleich hinter Florenz befinden wir uns schon auf der Chiantigiana, einer
der schönsten Straßen der Toskana, die sich durch die mit
Zypressenreihen bewachsenen Hügel, Weinberge, Olivenhaine und Städtchen
des Chianti windet und Florenz mit Siena verbindet. Wer Zeit hat und die
Fahrt genießen will, sollte die Schnellstraße über Poggibonsi vermeiden
und wie wir der 222 folgen.
Städtchen wie Strada, Greve und Castellina bieten viel fürs Auge und den
Gaumen. Schließlich sind wir hier mitten im Herzen des Chianti
Classico, dem Land des Gallo Nero.
Hier in Castellina verabschieden wir uns von der Chiantigiana und fahren
die paar Kilometer zu unserem Ziel, dem alten von Mauern und Türmen
umgebenen Städtchen. Etwas außerhalb bewirtschaften Waltraud und Luca
ihr alteingesessenes Weingut.
Im Vergleich zu den 350 ha ihres Nachbarn der Agricola Monterinaldi ist
es eher klein, dafür können sie aber von der Qualität her gut mithalten.
Wir fahren den Hügel hinauf auf den weitläufigen Hof, steigen aus und atmen tief durch.
Waltraud steht in der Tür des Gutshauses und begrüßt uns herzlich.
Toscanische Impressionen (II)
Porcini, Vipern, ein verdammt guter Wein und der Empfang beim Bürgermeister
In aller Herrgottsfrühe tranken wir noch etwas schlaftrunken unseren
Caffé, dann stiegen wir in Lucas Geländewagen und Stefano fuhr mit uns
ein paar Kilometer bis zu einem kleinen Parkplatz am Waldrand. Wir
schlüpften in unsere Gummistiefel, nahmen die Körbe und gingen auf
Pilzsuche. Waltraud wollte uns ein typisches Pilzgericht der Gegend
servieren, frische Steinpilze mit Knoblauch -Funghi porcini trifolati-.
„Nehmt Gummistiefel mit, hier gibt es giftige Vipern. Passt auf, wenn ihr die Pilze erntet“ hatte Waltraud uns ermahnt.
Stefano hat nur gelacht, „Um diese Tageszeit sind sie noch viel zu träge.“
Trotzdem mit gehörigem Respekt suchten wir den Waldboden nach Porcini
(Steinpilzen) ab. Schon bald sahen wir ein ganzes Nest, einer schöner
wie der Andere. So große Pilze hatten wir bei uns nur ganz selten einmal
gefunden. Schnell waren die Körbe voll und wir fuhren wieder heim.
Jetzt fingen auch die Mägen an zu knurren.
Am Sonntag machten wir einen Ausflug zum Castello di Volpaia. Ein
mittelalterliches Dorf mit Burg empfing uns im strahlenden Sonnenschein.
Das Dorf ist nicht mehr bewohnt, sondern gehört zum Weingut der Stianti
Mascheroni. Die riesigen miteinander verbundenen Kellerräume werden als
Lagerkeller für den excellenten Wein genutzt. Einige Häuser dienen als
Ferien- und Gästewohnungen und als Büros des Weingutes. In der
ehemaligen Kirche befindet sich heute ein Informationszentrum für
Touristen und Weinliebhaber.
Der Höhepunkt war aber natürlich die Verkostung des einheimischen
Weines. Obwohl wir sonst eher Rotweinliebhaber sind, war der Bianco Val
d`Arbia ein Gedicht, und wir haben spontan ein paar Flaschen erstanden.
Wir bummelten gemütlich durch die Via Romana, die Einkaufsstraße, und
schauten in die Auslagen der kleinen Läden, als uns Manfredo, Stefanos
älterer Bruder über den Weg lief. Er war auf dem Weg ins Municipio, ins
Rathaus. Manfredo ist im Gemeinderat und hatte ein paar Dinge zu
erledigen.
„Kommt doch mit, dann führe ich euch durch unser Rathaus.“ Das weiße Haus mit den beiden hohen Torbögen lag direkt vor uns.
Manfredo zeigte uns sein Büro und den Sitzungssaal. „Und hier ist das
Büro unseres Sindaco, des Bürgermeisters.“ Da öffnete sich die Tür und
der Bürgermeister stand leibhaftig vor uns. Er begrüßte Manfredo und uns
herzlich und bat uns in sein Büro. Wir unterhielten uns eine knappe
Viertelstunde lebhaft miteinander auch über Görlitz, er hatte von der
Flut gehört, bevor Signore Aterini und Manfredo zu ihren Terminen
mussten.
Das war also unser „Empfang“ durch den Bürgermeister.
Toscanische Impressionen III
Un`estate italiana, ein italienischer Sommer
Der Wein trinkt die Hitze der Sonne mit vollen Zügen. Der warme
Sommerwind streicht durch die Reben und wir besuchen eines der schönsten
Weingüter der Toskana, die Badia a Coltibuono, die Abtei der guten
Ernte, eine von Napoleon aufgehobene Abtei mit umfangreichem Landbesitz.
Seit über 900 Jahren wird hier Wein angebaut. Die Badia war
Jahrhunderte im Besitz der Medici. Der spätere Medicipapst Leo X. sogar
Abt dieses Klosters.
Stefano bringt Waltraud und uns mit dem Wagen hin. Wir hören leise Musik
von Angelo Branduardi. Die Strecke ist atemberaubend, steile
Gefällstrecken wechseln sich mit Dutzenden enger Kurven und Serpentinen
ab. Ab und an kommt uns ein verkappter Ferraripilot rasant in seinem
Fiat 500 entgegen. Die meiste Zeit fahren wir durch dichte
Steineichenwälder. Was hier wohl für leckere Porcini wachsen?
Wir haben uns für eine Führung mit anschließender Verkostung von Weinen
und Olivenölen der Badia angemeldet. Der Gebäudekomplex der Abtei liegt
malerisch auf einer großen Waldlichtung. Wieder vermischt sich der
Duft von Rosmarin, Salbei, wildem Thymian und Oregano mit Blütenaromen
zu einer berauschenden Komposition.
Auf der einen Seite fällt unser Blick auf eine beeindruckende
Gartenanlage, die wir nachher noch aufsuchen werden, auf der anderen
Seite befindet sich in den ehemaligen Stallungen ein elegantes
Restaurant. Die Küche ist berühmt, nicht zuletzt durch Lorenza de
Medici.
Einzelne Gebäudeteile der Abtei, wie die ehemaligen Klosterzellen, hat
man zu Ferienwohnungen und Hotelzimmern umgebaut, in Anderen kann man
Olivenöle und Weine aus eigener Produktion verkosten. Die bekannte
Kochbuchautorin Lorenza de Medici gründete hier eine Kochschule und gab
lange Zeit exklusive Kurse. Heute wird die Schule von ihrem jüngsten
Sohn Guido Stucchi-Prinetti weitergeführt. Leider reicht die Zeit nicht,
um an einem Kochkurs teilzunehmen. Vielleicht bei unserem nächsten
Aufenthalt hier.
Etwas außerhalb an der Zufahrtsstraße zur Abtei liegt in einem alten
Zollhaus „La Bottega di Coltibuono“. Hier kann man die Weine, die
Olivenöle, den Grappa und den Essig der Badia erstehen.
Wir spazieren mit unserem Führer durch den im italienischen
Renaissancestil erbauten Garten, besichtigen den mittelalterlichen
Kreuzgang, werfen einen Blick in die alte Bibliothek der Abtei, deren
über 3000 Bücher von den Besitzern, der Familie Stucchi-Prinetti hier
eindrucksvoll präsentiert werden. In den historischen Kellergewölben,
der ehemaligen Krypta, wird der heimische Wein in riesigen Holzfässern
nur noch bis zur Reife gelagert. Die eigentliche Verarbeitung findet
außerhalb in der Nähe von Monti in Chianti statt. Hier am Rande des
Chianti Classico Gebietes wird ein vorzüglicher Wein produziert.
Als Abschluss und Höhepunkt der Besichtigung bleibt natürlich die
Degustation, die Verkostung der vorzüglichen Weine und Olivenöle.
Auf einem Tischchen lockt eine Auswahl lokaler Wurst- und
Käsespezialitäten. Dann kommt der Wein. Besondere Sorgfalt wird hier auf
einen biologischen Anbau gelegt. Neben verschiedenen Chianti Classico
und Chianti Classico Riserva bekommen wir auch einen Sangioveto und
einen Vin Santo zum probieren. Der Cantiniere erklärt uns die
verschiedenen Eigenheiten der einzelnen Sorten und Jahrgänge. Wie nicht
anders zu erwarten, sind es Spitzenweine, die wir zum verkosten
bekommen. Einer gehaltvoller und ansprechender als der Andere. Gut, dass
wir nicht selber fahren müssen.
Auch der Grappa di Fattoria wird ausschließlich aus Chianti, also aus
Sangiovesetrauben gebrannt. Er ist strohgelb und riecht und schmeckt
überaus aromatisch.
Zwei Olivenölsorten runden das Ganze noch ab, die nach frischen Kräutern
duftenden smaragdgrünen Sorten Albereto und das Campo Corto.
In der Bottega di Coltibuono ist die Qual der Wahl groß. Wir decken uns
noch mit einer reichlichen Auswahl ein, bevor Luca uns mit dem Wagen
abholt.
Glücklicherweise brauchen wir nur unsere Bestellung aufgeben, da der deutsche Vertriebspartner ins Haus liefert.
Gina, Stefanos Frau, hat uns ein Banchetto á la vignaiolo zubereitet und
wir sitzen in großer Runde, Manfredo und Giulia sind auch
vorbeigekommen, auf der Terrasse und genießen den lauen Abend. Luca hat
uns seinen Hauswein kredenzt, einen sehr gelungenen Chianti Classico.
Rezept:
Banchetto á la vignaiolo
1 Tasse Olivenöl
2 EL Rosmarinblätter, fein gehackt
2 TL Anissamen
2 TL Fenchelsamen
Pfeffer
2 Pfd. Rohe Bratwürste
2 Pfd. Tafeltrauben, idealerweise gemischt
1 Tasse Rotwein
Das Öl wird in einer Pfanne erhitzt (nicht kochen), dann werden die
Kräuter, Samen und reichlich gemahlener Pfeffer hinzugefügt. Gut
verrühren.
Die Pfanne wird vom Feuer genommen und zugedeckt 15 Minuten ziehen lassen.
Die Bratwürste werden mehrfach eingestochen und in einem großen Topf mit
Wasser bedeckt zum sieden gebracht. Ca. 5 Min. ziehen lassen.
Den Backofen auf 200°C vorheizen.
Bratwürste abtropfen lassen und in eine feuerfeste Form legen. Mit dem
Öl übergießen und die gewaschenen und von Stielen befreiten Trauben
hinzufügen, alles gut vermengen.
Ca. 25 Minuten braten lassen, mehrfach wenden, damit die Würste eine Kruste bekommen und die Trauben Saft ziehen.
Würste und Trauben mit einem Schaumlöffel aus der Form holen und warm halten.
Mit dem Rotwein den Bratensud lösen und in der Form erhitzen, bis der Saft eine sirupartige Konsistenz hat.
Die Würste und Trauben auf vorgewärmte Teller legen und mit dem heißen Sud übergießen.
Dazu ein Püree aus Kartoffeln und Lauch oder eine Polenta geben.
Buon appetito
Prolog
Geschichte einer langjährigen Freundschaft
Waltraud und ich studierten zusammen im gleichen Semester Chemie. Meine
damalige Freundin und spätere Frau hatte sich für die Juristerei
entschieden. Wir und noch zwei, drei Andere bildeten eine
unzertrennliche Clique.
Nach den Vorlesungen und auch zwischendrin trafen wir uns regelmäßig bei
Luca. Lucas Laden war eine Institution in unserem kleinen
Universitätsstädtchen. Er betrieb zusammen mit einem Cousin einen
Lebensmittelimport, italienische Spezialitäten, Olivenöl und Wein. Neben
dem Laden, in einem winzigen Raum, standen drei Tische an denen er uns
Antipasti, Käsestückchen und natürlich den unvergleichlichen Wein zum
verkosten anbot. Wir redeten oft bis in die Nacht, es war wie ein
zweites Wohnzimmer für uns.
Es kam wie es kommen musste, sie konnte seinem südländischen Charme
nicht widerstehen. Waltraud und Luca verliebten sich ineinander und
wurden ein Paar.
Als nach wenigen Jahren Lucas Vater starb, betrieb der Cousin die Firma
alleine weiter, und Waltraud und Luca bewirtschafteten den Hof in der
Umgebung des kleinen Städtchens im Chianti und bauten Oliven und Wein
an.
Als wir noch in Franken und bei München lebten, war es Tradition
regelmäßig gemeinsam das Oktoberfest zu besuchen. Auch für Italiener ein
ganz besonderes Ereignis.
Seit Jahren versuchen wir wenigstens einmal im Jahr ins Chiantigebiet zu
fahren und wohnen ein paar Tage oder Wochen bei den Beiden. Sie haben
uns auch schon hoch und heilig versprochen, uns demnächst in der
Oberlausitz zu besuchen. Die beiden Söhne sind jetzt so weit, den Hof
auch einmal alleine zu führen.
Und morgen beginnt unsere Reise.
Toscanische Impressionen I
Die italienischen Momente beginnen für uns, wenn wir unser Auto auf dem
Parkplatz abgegeben haben und unser kleines Hotel an der Via Nazionale
erreicht haben. Hier im Herzen von Florenz beginnt Italien, das richtige
Italien. Von unserem Zimmer unter dem Dach können wir auf die
ziegelrote Kuppel, Brunelleschis Domkuppel blicken. Im Hof stehen ein
paar Palmen und Zitronenbäume und wir liegen uns glücklich in den Armen,
froh darum wieder daheim zu sein in La Fiorentina, unserem Florenz.
Wir ziehen uns frische Klamotten an, laufen um ein paar Ecken an der
gusseisernen Konstruktion der Markthalle vorbei, über den von Menschen
wuselnden Ledermarkt und erreichen die kopfsteingeflasterte Piazza an
der Kirche San Lorenzo. Ein Glas Wein als Willkommenstrunk, dafür muss
Zeit sein. Ein Tischchen unter der Markise ist noch frei. Viele, sehr
viele Touristen aus allen möglichen Ländern schlendern über den Platz.
Ich betrachte einmal mehr die archaische Fassade der Medicikirche. Mehr
von Florenz ist heute nicht drin. Vielleicht bleibt uns morgen früh zum
Abschied noch der grandiose Blick von der Piazzale Michelangelo über das
Stadtpanorama.
Dann laufen wir zurück, die paar Meter am Park vorbei zu unserem kleinen
Ristorante, wo wir im Innenhof unter Bäumen zu Abend essen.
Die Luft ist lau, Grillen begleiten mit ihrem Konzert unser Mahl. Wir
teilen uns eine große Schüssel Bauernsalat und trinken dazu den offenen
roten Hauswein, ein gehaltvoller Roter von den Hügeln des Chianti.
Kerzen brennen auf den weißgedeckten Tischen, im Hintergrund begleiten
uns leise italienische Musik, leichtes Gläserklirren und Wortfetzen. Die
blühenden Sträucher und Blumen im Garten verbreiten einen betörenden
Duft. Endlich ist es wieder warm, nach unserem verregneten August
genießen wir die lauen Temperaturen.
Nach dem Frühstück laden wir unser Handgepäck ins Auto und verlassen
Florenz. Die Straße zur Piazzale Michelangelo ist verstopft von
Ausflugsbussen. Schweren Herzens verzichten wir auf den Abstecher.
Gleich hinter Florenz befinden wir uns schon auf der Chiantigiana, einer
der schönsten Straßen der Toskana, die sich durch die mit
Zypressenreihen bewachsenen Hügel, Weinberge, Olivenhaine und Städtchen
des Chianti windet und Florenz mit Siena verbindet. Wer Zeit hat und die
Fahrt genießen will, sollte die Schnellstraße über Poggibonsi vermeiden
und wie wir der 222 folgen.
Städtchen wie Strada, Greve und Castellina bieten viel fürs Auge und den
Gaumen. Schließlich sind wir hier mitten im Herzen des Chianti
Classico, dem Land des Gallo Nero.
Hier in Castellina verabschieden wir uns von der Chiantigiana und fahren
die paar Kilometer zu unserem Ziel, dem alten von Mauern und Türmen
umgebenen Städtchen. Etwas außerhalb bewirtschaften Waltraud und Luca
ihr alteingesessenes Weingut.
Im Vergleich zu den 350 ha ihres Nachbarn der Agricola Monterinaldi ist
es eher klein, dafür können sie aber von der Qualität her gut mithalten.
Wir fahren den Hügel hinauf auf den weitläufigen Hof, steigen aus und atmen tief durch.
Waltraud steht in der Tür des Gutshauses und begrüßt uns herzlich.
Toscanische Impressionen (II)
Porcini, Vipern, ein verdammt guter Wein und der Empfang beim Bürgermeister
In aller Herrgottsfrühe tranken wir noch etwas schlaftrunken unseren
Caffé, dann stiegen wir in Lucas Geländewagen und Stefano fuhr mit uns
ein paar Kilometer bis zu einem kleinen Parkplatz am Waldrand. Wir
schlüpften in unsere Gummistiefel, nahmen die Körbe und gingen auf
Pilzsuche. Waltraud wollte uns ein typisches Pilzgericht der Gegend
servieren, frische Steinpilze mit Knoblauch -Funghi porcini trifolati-.
„Nehmt Gummistiefel mit, hier gibt es giftige Vipern. Passt auf, wenn ihr die Pilze erntet“ hatte Waltraud uns ermahnt.
Stefano hat nur gelacht, „Um diese Tageszeit sind sie noch viel zu träge.“
Trotzdem mit gehörigem Respekt suchten wir den Waldboden nach Porcini
(Steinpilzen) ab. Schon bald sahen wir ein ganzes Nest, einer schöner
wie der Andere. So große Pilze hatten wir bei uns nur ganz selten einmal
gefunden. Schnell waren die Körbe voll und wir fuhren wieder heim.
Jetzt fingen auch die Mägen an zu knurren.
Am Sonntag machten wir einen Ausflug zum Castello di Volpaia. Ein
mittelalterliches Dorf mit Burg empfing uns im strahlenden Sonnenschein.
Das Dorf ist nicht mehr bewohnt, sondern gehört zum Weingut der Stianti
Mascheroni. Die riesigen miteinander verbundenen Kellerräume werden als
Lagerkeller für den excellenten Wein genutzt. Einige Häuser dienen als
Ferien- und Gästewohnungen und als Büros des Weingutes. In der
ehemaligen Kirche befindet sich heute ein Informationszentrum für
Touristen und Weinliebhaber.
Der Höhepunkt war aber natürlich die Verkostung des einheimischen
Weines. Obwohl wir sonst eher Rotweinliebhaber sind, war der Bianco Val
d`Arbia ein Gedicht, und wir haben spontan ein paar Flaschen erstanden.
Wir bummelten gemütlich durch die Via Romana, die Einkaufsstraße, und
schauten in die Auslagen der kleinen Läden, als uns Manfredo, Stefanos
älterer Bruder über den Weg lief. Er war auf dem Weg ins Municipio, ins
Rathaus. Manfredo ist im Gemeinderat und hatte ein paar Dinge zu
erledigen.
„Kommt doch mit, dann führe ich euch durch unser Rathaus.“ Das weiße Haus mit den beiden hohen Torbögen lag direkt vor uns.
Manfredo zeigte uns sein Büro und den Sitzungssaal. „Und hier ist das
Büro unseres Sindaco, des Bürgermeisters.“ Da öffnete sich die Tür und
der Bürgermeister stand leibhaftig vor uns. Er begrüßte Manfredo und uns
herzlich und bat uns in sein Büro. Wir unterhielten uns eine knappe
Viertelstunde lebhaft miteinander auch über Görlitz, er hatte von der
Flut gehört, bevor Signore Aterini und Manfredo zu ihren Terminen
mussten.
Das war also unser „Empfang“ durch den Bürgermeister.
Toscanische Impressionen III
Un`estate italiana, ein italienischer Sommer
Der Wein trinkt die Hitze der Sonne mit vollen Zügen. Der warme
Sommerwind streicht durch die Reben und wir besuchen eines der schönsten
Weingüter der Toskana, die Badia a Coltibuono, die Abtei der guten
Ernte, eine von Napoleon aufgehobene Abtei mit umfangreichem Landbesitz.
Seit über 900 Jahren wird hier Wein angebaut. Die Badia war
Jahrhunderte im Besitz der Medici. Der spätere Medicipapst Leo X. sogar
Abt dieses Klosters.
Stefano bringt Waltraud und uns mit dem Wagen hin. Wir hören leise Musik
von Angelo Branduardi. Die Strecke ist atemberaubend, steile
Gefällstrecken wechseln sich mit Dutzenden enger Kurven und Serpentinen
ab. Ab und an kommt uns ein verkappter Ferraripilot rasant in seinem
Fiat 500 entgegen. Die meiste Zeit fahren wir durch dichte
Steineichenwälder. Was hier wohl für leckere Porcini wachsen?
Wir haben uns für eine Führung mit anschließender Verkostung von Weinen
und Olivenölen der Badia angemeldet. Der Gebäudekomplex der Abtei liegt
malerisch auf einer großen Waldlichtung. Wieder vermischt sich der
Duft von Rosmarin, Salbei, wildem Thymian und Oregano mit Blütenaromen
zu einer berauschenden Komposition.
Auf der einen Seite fällt unser Blick auf eine beeindruckende
Gartenanlage, die wir nachher noch aufsuchen werden, auf der anderen
Seite befindet sich in den ehemaligen Stallungen ein elegantes
Restaurant. Die Küche ist berühmt, nicht zuletzt durch Lorenza de
Medici.
Einzelne Gebäudeteile der Abtei, wie die ehemaligen Klosterzellen, hat
man zu Ferienwohnungen und Hotelzimmern umgebaut, in Anderen kann man
Olivenöle und Weine aus eigener Produktion verkosten. Die bekannte
Kochbuchautorin Lorenza de Medici gründete hier eine Kochschule und gab
lange Zeit exklusive Kurse. Heute wird die Schule von ihrem jüngsten
Sohn Guido Stucchi-Prinetti weitergeführt. Leider reicht die Zeit nicht,
um an einem Kochkurs teilzunehmen. Vielleicht bei unserem nächsten
Aufenthalt hier.
Etwas außerhalb an der Zufahrtsstraße zur Abtei liegt in einem alten
Zollhaus „La Bottega di Coltibuono“. Hier kann man die Weine, die
Olivenöle, den Grappa und den Essig der Badia erstehen.
Wir spazieren mit unserem Führer durch den im italienischen
Renaissancestil erbauten Garten, besichtigen den mittelalterlichen
Kreuzgang, werfen einen Blick in die alte Bibliothek der Abtei, deren
über 3000 Bücher von den Besitzern, der Familie Stucchi-Prinetti hier
eindrucksvoll präsentiert werden. In den historischen Kellergewölben,
der ehemaligen Krypta, wird der heimische Wein in riesigen Holzfässern
nur noch bis zur Reife gelagert. Die eigentliche Verarbeitung findet
außerhalb in der Nähe von Monti in Chianti statt. Hier am Rande des
Chianti Classico Gebietes wird ein vorzüglicher Wein produziert.
Als Abschluss und Höhepunkt der Besichtigung bleibt natürlich die
Degustation, die Verkostung der vorzüglichen Weine und Olivenöle.
Auf einem Tischchen lockt eine Auswahl lokaler Wurst- und
Käsespezialitäten. Dann kommt der Wein. Besondere Sorgfalt wird hier auf
einen biologischen Anbau gelegt. Neben verschiedenen Chianti Classico
und Chianti Classico Riserva bekommen wir auch einen Sangioveto und
einen Vin Santo zum probieren. Der Cantiniere erklärt uns die
verschiedenen Eigenheiten der einzelnen Sorten und Jahrgänge. Wie nicht
anders zu erwarten, sind es Spitzenweine, die wir zum verkosten
bekommen. Einer gehaltvoller und ansprechender als der Andere. Gut, dass
wir nicht selber fahren müssen.
Auch der Grappa di Fattoria wird ausschließlich aus Chianti, also aus
Sangiovesetrauben gebrannt. Er ist strohgelb und riecht und schmeckt
überaus aromatisch.
Zwei Olivenölsorten runden das Ganze noch ab, die nach frischen Kräutern
duftenden smaragdgrünen Sorten Albereto und das Campo Corto.
In der Bottega di Coltibuono ist die Qual der Wahl groß. Wir decken uns
noch mit einer reichlichen Auswahl ein, bevor Luca uns mit dem Wagen
abholt.
Glücklicherweise brauchen wir nur unsere Bestellung aufgeben, da der deutsche Vertriebspartner ins Haus liefert.
Gina, Stefanos Frau, hat uns ein Banchetto á la vignaiolo zubereitet und
wir sitzen in großer Runde, Manfredo und Giulia sind auch
vorbeigekommen, auf der Terrasse und genießen den lauen Abend. Luca hat
uns seinen Hauswein kredenzt, einen sehr gelungenen Chianti Classico.
Rezept:
Banchetto á la vignaiolo
1 Tasse Olivenöl
2 EL Rosmarinblätter, fein gehackt
2 TL Anissamen
2 TL Fenchelsamen
Pfeffer
2 Pfd. Rohe Bratwürste
2 Pfd. Tafeltrauben, idealerweise gemischt
1 Tasse Rotwein
Das Öl wird in einer Pfanne erhitzt (nicht kochen), dann werden die
Kräuter, Samen und reichlich gemahlener Pfeffer hinzugefügt. Gut
verrühren.
Die Pfanne wird vom Feuer genommen und zugedeckt 15 Minuten ziehen lassen.
Die Bratwürste werden mehrfach eingestochen und in einem großen Topf mit
Wasser bedeckt zum sieden gebracht. Ca. 5 Min. ziehen lassen.
Den Backofen auf 200°C vorheizen.
Bratwürste abtropfen lassen und in eine feuerfeste Form legen. Mit dem
Öl übergießen und die gewaschenen und von Stielen befreiten Trauben
hinzufügen, alles gut vermengen.
Ca. 25 Minuten braten lassen, mehrfach wenden, damit die Würste eine Kruste bekommen und die Trauben Saft ziehen.
Würste und Trauben mit einem Schaumlöffel aus der Form holen und warm halten.
Mit dem Rotwein den Bratensud lösen und in der Form erhitzen, bis der Saft eine sirupartige Konsistenz hat.
Die Würste und Trauben auf vorgewärmte Teller legen und mit dem heißen Sud übergießen.
Dazu ein Püree aus Kartoffeln und Lauch oder eine Polenta geben.
Buon appetito

