Ich nenne es "Die Falle"
Trip Start
Nov 01, 2011
1
4
11
Trip End
Mar 28, 2012
Ach, Palolem... was für ein Ort! Es ist tatsächlich ein verdammtes Paradies - mit hohem Risiko, stecken zu bleiben; eine Falle also, im bestmöglichen Sinne aber. Eine halbmondförmige Strandbucht, regelrecht vollgestopft mit Palmen; Restaurants, die abends ihre Tische im Sand platzieren sodass man schon fast in den sanften Wellen sitzt, und Strandhütten, in die zum Einschlafen das Meeresrauschen dringt. Aber eins nach dem anderen…
Die Anfahrt
Ich kündige in Benaulim an, den Roller noch ein paar Tage behalten zu wollen, präge mir beim Frühstück 5x die Route auf der Karte ein und fahre anschliessend mit Sack und Pack runter in den Süden - nach Palolem. Die Strecke ist ein Traum; durch Palmenhaine, an Küstenabschnitten vorbei, über kleine Gipfel schlängeln sich kleine Serpentinen.
Wer glaubt, dass man eine korrekte Antwort erhält, wenn man nach dem Weg fragt, irrt sich. Die Inder mögen das Wort nein vielleicht kennen, allerdings ist es einfach unhöflich, es zu benutzen. Ein "Leider keine Ahnung" würde mir ja reichen, aber es ist offenbar höflicher, arme Touris in die falsche Richtung zu schicken.
Die dreistündige Fahrt vergeht trotzdem wie im Flug. Ich treffe Henry und seine Mutter im Hotel und lerne Palolem kennen - und bleibe stecken.
Also was ist es, an dem man hier kleben bleibt?
Klar, das Stranddorf ist ein Traum. Nicht so verschmutzt und verbraucht wie die Strände im Norden Goas, die ich wider eigene Planung gar nicht mehr zu Gesicht bekommen würde. Eine angenehme Mischung aus indischen Touris, älteren Erwachsenen oder Familien und Backpackern gibt dem Dorf, zusammen mit seinen relaxten Einwohnern eine abwechslungsreiche, aber gelassene Grundstimmung.
Und was noch? Zwei Tage später reisen die beiden Franzosen weiter und ich verlege mein Quartier in eine der Hütten am Strand. In der Nachbarschaft der Hütten findet sich in den kommenden Tagen eine bunte Mischung aus Backpackern aus Israel, England, Deutschland, Österreich, Malta und Australien zusammen. Es ist nicht zuletzt dieses Dutzend Menschen, dass Anlass genug sein würde, die kommenden zwei Wochen hier zu verbringen. Natürlich tragen die gemütlichen Abende auf den Verandas der Hütten dazu bei, neben den Palmen Wurzeln zu schlagen, aber zwischen vielen Lassis und Kingfishers hält auch das Landesinnere tagsüber viel Erkundenswertes parat. Also: ab auf den Roller und rein in den Spiderforest, den Bubble Pond, zur Elefantendusche, in die Ruine des Fort Cabo da Rama oder zu den Dudhsaga-Wasserfällen.
Aber was wäre ein Goa-Aufenthalt ohne eine amtliche Strand-Party?! Ab und zu findet an der Südspitze der Bucht die sogenannte Headphone-Party auf einem Feldplateau statt. Das Prinzip ist ganz einfach: man erhält am Eingang einen Kopfhörer mit zwei Reglern; einen für die Lautstärke und einen für den Musikkanal. Wem nach dem Goa-Klassiker Trance ist, schaltet auf den roten Kanal, der grüne haut Mainstream-Klassiker raus und auf dem blauen dudelt meist Deep-House. Anhand der farbigen Anzeige an der rechten Ohrmuschel erkennt man, was der Rest der Tanzfläche gerade hört. Wenn beispielsweise ein Teil der Menge plötzlich anfängt, die gespreizten Zeige- und Mittelfinger abwechselnd vor dem eigenen Gesicht vorbeiziehen zu lassen, weiß man, dass es Zeit für Saturday Night Fever ist. Also die Farbe ausmachen und entweder umschalten und mitmachen oder eben den Kanal meiden. Klingt erstmal nach besten Voraussetzungen für einen unkommunikativen Abend, läuft in der Praxis aber ganz anders. Will man in Ruhe tanzen, kein Problem. Hat man Lust auf Konversation, zack, Kopfhörer ab und kein Geschreie wie so oft im Club. An sich nicht schlecht. Was ich zuerst unter einem ökologisch nachhaltigem Prinzip verbuche (Vermeidung akustischer Umweltverschmutzung) rührt vielmehr daher, dass keine Lizenz, um nach 22 Uhr laute Musik zu spielen, vorliegt. Tatsächlich fliessen die Gewinne der Parties aber in ein lokales Tierschutzprojekt.
Full Power!
So langsam dämmert mir, was mir an Indien am besten gefallen wird: das Essen. Dem Thema werde ich noch ein eigenes Kapitel widmen, aber eines vorweg: es ist verdammt gut und verdammt billig. Und es ist das sogenannte Fast Food, an dem ich die meiste Freude finde. Wer jetzt an Franchise-Ketten und pappiges Halb-Essen denkt, liegt daneben. Abgesehen davon, dass Ketten nur in den grossen Städten zu finden sind, ist das einzige, was das uns bekannte Fast Food mit dem indischen Fast Food (=Street Food) gemein hat, dass es schnell zubereitet wird.
Man nehme einen kleinen Stand auf Rädern, einen Wok, einen Teekessel, viel Gemüse, Reis, Nudeln, eine Palette Masala-Pulver und, Simsalabim, fertig ist der Fast-Food-Stand. Hier verdrücken Inder gerne morgens ein paar Samosa, essen mittags ein Chickpea-Masala oder lassen sich irgendetwas anderes in Zeitungspapier wickeln (="to go") oder kommen, um sich von morgens bis abends ihren Chai abzuholen.
Bisher hatte ich keine Probleme mit dem Essen und dessen weiterer Verarbeitung im Inneren meines Körpers. Dem sogenannten "Delhi Belly" kann man offenbar aus dem Weg gehen wenn man sich am "voting by feet" orientiert. Wo viel los ist, kann das Essen so schlecht nicht sein. An guten Ständen ist demnach stets was los. Aber nirgendwo ist es so wie bei Baboo.
Ich habe diesen lustigen kleinen Inder inzwischen richtig ins Herz geschlossen und empfehle jedem, der mal in Palolem vorbeikommen sollte, dort hinzugehen. Am Ende der Strasse die zum Strand führt, finden sich einige Fast-Food-Stände. Wenn man an einem wuseligen Stand mit leicht erhöhtem Geräuschpegel vorbeikommt, einen Koch vorfindet, der die Bestellungen regelrecht anmoderiert, dessen Bude stets von einem quirligen, spaßigem Vibe umgeben ist... dann ist man richtig: beim Full-Power-Guy Baboo.
Fast jeden Morgen bestelle ich mir einen Chai und ein "Egg-Sandwich". Baboo schneidet Zwiebelwürfel, die er zusammen mit Ei in einem Metallbecher mithilfe eines Löffels verquirlt. Das Geräusch würde ich heute auf 100m erkennen. Das Omelette wird in einer Pfanne gebraten, eine Art Brötchen aufgeschnitten, kurz in der Pfanne angewärmt, Kohl geschnitten, der mit Tomatenscheiben, dem fertigen Omelette und etwas Sauce liebevoll ins Brötchen gebettet wird. Dann stellt Baboo die alles entscheidende und namensgebende Frage: "Full Power?"
Ich erinnere mich noch an meine erste Sandwich-Bestellung. Da ich mit der Frage nichts anfangen konnte, erntete der Inder nur ein Stirnrunzeln auf das er wiederum antwortete "Ah, better little power, eh?" und gab nur eine kleine Prise Masala- und Chili-Pulver ins Brötchen. Ein paar Sandwiches später antwortete ich dann mal "Yes, today full power, please!" und ein herzhaftes Lachen füllt Baboos Bude und kurz darauf ein entsprechend scharfes Sandwich meinen Magen.
Ja, warum widme ich eigentlich einem Sandwich so viele Zeilen, frage ich mich gerade?! Irgendwie ist es zum Sinnbild für die Zeit in Palolem geworden. So wie die Sandwiches mit der Zeit mehr und mehr Power bekommen haben, so sehr hat sich auch mein eigener Akku hier in Palolem wieder aufgeladen.
Ich könnte noch ewig hier bleiben und da bin ich nicht der einzige, dem es so geht (einige sind bereits seit über vier Wochen hier!). Der Australier hat sich zum Beispiel eines Morgens nach einer Party - vermutlich noch halbwegs auf Sendung - einfach in den nächstbesten Bus Richtung Süden gesetzt. "Sonst wäre ich nie weggekommen" erläutert er mir hinterher in einer Mail seine Flucht. Gut also, dass ich bereits in Deutschland einen Rückflug gebucht habe, ausserdem muss ich ja rechtzeitig zur Hochzeit nach Mumbai zurückkehren.
In den letzten Tagen in Palolem beschleicht mich aber irgendwie das die Angst, dass ich den besten Teil der Reise gleich am Anfang erlebt, und damit nun also hinter mir habe. Es folgt das stressige, laute, vollgestopfte Indien, das ich ganz auf eigene Faust erkunden muss.
Beim Abflug aus Goa konnte ich nicht im geringsten ahnen, was Mumbai wenige Stunden später mit mir vorhatte und die Eindrücke aus zwei Wochen Palolem relativieren würde...
Die Anfahrt
Ich kündige in Benaulim an, den Roller noch ein paar Tage behalten zu wollen, präge mir beim Frühstück 5x die Route auf der Karte ein und fahre anschliessend mit Sack und Pack runter in den Süden - nach Palolem. Die Strecke ist ein Traum; durch Palmenhaine, an Küstenabschnitten vorbei, über kleine Gipfel schlängeln sich kleine Serpentinen.
Wer glaubt, dass man eine korrekte Antwort erhält, wenn man nach dem Weg fragt, irrt sich. Die Inder mögen das Wort nein vielleicht kennen, allerdings ist es einfach unhöflich, es zu benutzen. Ein "Leider keine Ahnung" würde mir ja reichen, aber es ist offenbar höflicher, arme Touris in die falsche Richtung zu schicken.
Die dreistündige Fahrt vergeht trotzdem wie im Flug. Ich treffe Henry und seine Mutter im Hotel und lerne Palolem kennen - und bleibe stecken.
Also was ist es, an dem man hier kleben bleibt?
Klar, das Stranddorf ist ein Traum. Nicht so verschmutzt und verbraucht wie die Strände im Norden Goas, die ich wider eigene Planung gar nicht mehr zu Gesicht bekommen würde. Eine angenehme Mischung aus indischen Touris, älteren Erwachsenen oder Familien und Backpackern gibt dem Dorf, zusammen mit seinen relaxten Einwohnern eine abwechslungsreiche, aber gelassene Grundstimmung.
Und was noch? Zwei Tage später reisen die beiden Franzosen weiter und ich verlege mein Quartier in eine der Hütten am Strand. In der Nachbarschaft der Hütten findet sich in den kommenden Tagen eine bunte Mischung aus Backpackern aus Israel, England, Deutschland, Österreich, Malta und Australien zusammen. Es ist nicht zuletzt dieses Dutzend Menschen, dass Anlass genug sein würde, die kommenden zwei Wochen hier zu verbringen. Natürlich tragen die gemütlichen Abende auf den Verandas der Hütten dazu bei, neben den Palmen Wurzeln zu schlagen, aber zwischen vielen Lassis und Kingfishers hält auch das Landesinnere tagsüber viel Erkundenswertes parat. Also: ab auf den Roller und rein in den Spiderforest, den Bubble Pond, zur Elefantendusche, in die Ruine des Fort Cabo da Rama oder zu den Dudhsaga-Wasserfällen.
Aber was wäre ein Goa-Aufenthalt ohne eine amtliche Strand-Party?! Ab und zu findet an der Südspitze der Bucht die sogenannte Headphone-Party auf einem Feldplateau statt. Das Prinzip ist ganz einfach: man erhält am Eingang einen Kopfhörer mit zwei Reglern; einen für die Lautstärke und einen für den Musikkanal. Wem nach dem Goa-Klassiker Trance ist, schaltet auf den roten Kanal, der grüne haut Mainstream-Klassiker raus und auf dem blauen dudelt meist Deep-House. Anhand der farbigen Anzeige an der rechten Ohrmuschel erkennt man, was der Rest der Tanzfläche gerade hört. Wenn beispielsweise ein Teil der Menge plötzlich anfängt, die gespreizten Zeige- und Mittelfinger abwechselnd vor dem eigenen Gesicht vorbeiziehen zu lassen, weiß man, dass es Zeit für Saturday Night Fever ist. Also die Farbe ausmachen und entweder umschalten und mitmachen oder eben den Kanal meiden. Klingt erstmal nach besten Voraussetzungen für einen unkommunikativen Abend, läuft in der Praxis aber ganz anders. Will man in Ruhe tanzen, kein Problem. Hat man Lust auf Konversation, zack, Kopfhörer ab und kein Geschreie wie so oft im Club. An sich nicht schlecht. Was ich zuerst unter einem ökologisch nachhaltigem Prinzip verbuche (Vermeidung akustischer Umweltverschmutzung) rührt vielmehr daher, dass keine Lizenz, um nach 22 Uhr laute Musik zu spielen, vorliegt. Tatsächlich fliessen die Gewinne der Parties aber in ein lokales Tierschutzprojekt.
Full Power!
So langsam dämmert mir, was mir an Indien am besten gefallen wird: das Essen. Dem Thema werde ich noch ein eigenes Kapitel widmen, aber eines vorweg: es ist verdammt gut und verdammt billig. Und es ist das sogenannte Fast Food, an dem ich die meiste Freude finde. Wer jetzt an Franchise-Ketten und pappiges Halb-Essen denkt, liegt daneben. Abgesehen davon, dass Ketten nur in den grossen Städten zu finden sind, ist das einzige, was das uns bekannte Fast Food mit dem indischen Fast Food (=Street Food) gemein hat, dass es schnell zubereitet wird.
Man nehme einen kleinen Stand auf Rädern, einen Wok, einen Teekessel, viel Gemüse, Reis, Nudeln, eine Palette Masala-Pulver und, Simsalabim, fertig ist der Fast-Food-Stand. Hier verdrücken Inder gerne morgens ein paar Samosa, essen mittags ein Chickpea-Masala oder lassen sich irgendetwas anderes in Zeitungspapier wickeln (="to go") oder kommen, um sich von morgens bis abends ihren Chai abzuholen.
Bisher hatte ich keine Probleme mit dem Essen und dessen weiterer Verarbeitung im Inneren meines Körpers. Dem sogenannten "Delhi Belly" kann man offenbar aus dem Weg gehen wenn man sich am "voting by feet" orientiert. Wo viel los ist, kann das Essen so schlecht nicht sein. An guten Ständen ist demnach stets was los. Aber nirgendwo ist es so wie bei Baboo.
Ich habe diesen lustigen kleinen Inder inzwischen richtig ins Herz geschlossen und empfehle jedem, der mal in Palolem vorbeikommen sollte, dort hinzugehen. Am Ende der Strasse die zum Strand führt, finden sich einige Fast-Food-Stände. Wenn man an einem wuseligen Stand mit leicht erhöhtem Geräuschpegel vorbeikommt, einen Koch vorfindet, der die Bestellungen regelrecht anmoderiert, dessen Bude stets von einem quirligen, spaßigem Vibe umgeben ist... dann ist man richtig: beim Full-Power-Guy Baboo.
Fast jeden Morgen bestelle ich mir einen Chai und ein "Egg-Sandwich". Baboo schneidet Zwiebelwürfel, die er zusammen mit Ei in einem Metallbecher mithilfe eines Löffels verquirlt. Das Geräusch würde ich heute auf 100m erkennen. Das Omelette wird in einer Pfanne gebraten, eine Art Brötchen aufgeschnitten, kurz in der Pfanne angewärmt, Kohl geschnitten, der mit Tomatenscheiben, dem fertigen Omelette und etwas Sauce liebevoll ins Brötchen gebettet wird. Dann stellt Baboo die alles entscheidende und namensgebende Frage: "Full Power?"
Ich erinnere mich noch an meine erste Sandwich-Bestellung. Da ich mit der Frage nichts anfangen konnte, erntete der Inder nur ein Stirnrunzeln auf das er wiederum antwortete "Ah, better little power, eh?" und gab nur eine kleine Prise Masala- und Chili-Pulver ins Brötchen. Ein paar Sandwiches später antwortete ich dann mal "Yes, today full power, please!" und ein herzhaftes Lachen füllt Baboos Bude und kurz darauf ein entsprechend scharfes Sandwich meinen Magen.
Ja, warum widme ich eigentlich einem Sandwich so viele Zeilen, frage ich mich gerade?! Irgendwie ist es zum Sinnbild für die Zeit in Palolem geworden. So wie die Sandwiches mit der Zeit mehr und mehr Power bekommen haben, so sehr hat sich auch mein eigener Akku hier in Palolem wieder aufgeladen.
Ich könnte noch ewig hier bleiben und da bin ich nicht der einzige, dem es so geht (einige sind bereits seit über vier Wochen hier!). Der Australier hat sich zum Beispiel eines Morgens nach einer Party - vermutlich noch halbwegs auf Sendung - einfach in den nächstbesten Bus Richtung Süden gesetzt. "Sonst wäre ich nie weggekommen" erläutert er mir hinterher in einer Mail seine Flucht. Gut also, dass ich bereits in Deutschland einen Rückflug gebucht habe, ausserdem muss ich ja rechtzeitig zur Hochzeit nach Mumbai zurückkehren.
In den letzten Tagen in Palolem beschleicht mich aber irgendwie das die Angst, dass ich den besten Teil der Reise gleich am Anfang erlebt, und damit nun also hinter mir habe. Es folgt das stressige, laute, vollgestopfte Indien, das ich ganz auf eigene Faust erkunden muss.
Beim Abflug aus Goa konnte ich nicht im geringsten ahnen, was Mumbai wenige Stunden später mit mir vorhatte und die Eindrücke aus zwei Wochen Palolem relativieren würde...

