Guter Gott (Kurzgeschichte)

Trip Start Mar 25, 2000
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Trip End Oct 30, 2000


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Flag of India  ,
Monday, May 22, 2000

Der schweiss- und staubverkrustete Wanderer, der an jenem schicksalshaften Tag ganz alleine in dem winzigen Bergdorf, dessen Name mir leider entfallen ist, eintrifft und sich nichts sehnlicher als eine warme Mahlzeit und eine Pritsche zum schlafen wünscht, wird gleich von der üblichen Kinderschar empfangen. 'Inglesi, Inglesi' tönt es sogleich aus dutzenden junger Kehlen, und als er bloss mit einem müden Lächeln und einer abwehrenden Handbewegung reagiert, steigert sich die Lautstärke noch. Der Tonfall wird eine Spur aggressiver. 'Inglesi, Inglesi! One pen, one rupia!' betteln die Kinder in ihrem knappen Englisch. Der einsame Wanderer schüttelt bloss verärgert den Kopf und brummt unverständliche Worte vor sich hin, während er sich einen Weg durch die drängelnde Kindermasse zu bahnen versucht.

Schliesslich steht er vor einem einfachen Lehmhaus mit einem unleserlichen Schild auf dem Dach. Die der Strasse zugewandte Seite des Gebäudes ist offen und auf einem einfachen Lehmherd dampft es aus verschiedenen Töpfen. Im Innern des Raumes kann der hungrige Wanderer einige wackelige Tische und Bänke erkennen, doch die Innenausstattung des winzig kleinen Restaurants interessiert ihn momentan nicht mal am Rande. Er ist gefangen von den verlockenden Düften, die den rauchgeschwärzten Kochtöpfen entsteigen. Schliesslich hat er seit zwei Tagen nichts mehr gegessen, nachdem er am Fusse des mächtigen Bandharpunch in dichten Nebel geraten und sich völlig verlaufen hatte. Seine Vorräte waren sowieso schon fast erschöpft gewesen, da er damit gerechnet hatte, noch am selben Tag diesen unscheinbaren Ableger menschlicher Zivilisation zu erreichen. Und nun war es zwei Tage später, und er hatte seither nichts Festes mehr zu sich genommen. So war er dann auch überhaupt nicht wählerisch, als der bärtige Mann hinter den Töpfen einen Deckel nach dem andern hob und stolz den Inhalt präsentierte. Ausser einigen wenigen Worten versteht er sowieso nichts von der lokalen Sprache und zudem hätte er schon längst blind aufsagen können, was aller Wahrschenlichkeit nach schon den ganzen Tag lang in den Töpfen vor sich hin schmorte. Blumenkohl, Kartoffeln, Reis und natürlich Dahl, der allgegenwärtige Linsenbrei. Dazu Chapati, Fladenbrote, die gleichzeitig als Esswerkzeug dienen.
Jedenfalls lässt er sich aus jedem Topf eine Portion auf den blechernen Teller schöpfen und macht sich sogleich gierig darüber her. Ausnahmsweise achtet er auch überhaupt nicht auf die indischen Tischsitten. Anstatt das Chapati in kleine Stücke zu reissen und damit die Nahrung im Teller einzuwickeln und schliesslich elegant in den Mund zu befördern, schaufelt er Reis, Gemüse und Dahl achtlos mit dem Löffel in den Mund. Erst als er seinen grössten Hunger gestillt hat fällt ihm auf, dass er den Löffel erst noch mit der linken, der schmutzigen Hand bedient hat. Erst jetzt bemerkt er auch, dass die zahlreich versammelte Dorfbevölkerung neugierig jede seiner Bewegungen verfolgt hat und diverse bedeutungsvolle Gesichtsausdrücke alles über seine Tischmanieren aussagen. Beschämt senkt er den Blick und greift, fortan mit der Rechten, erneut zum Löffel.

Plötzlich drängen sich zwei junge Knaben durch die Menge an seinen Tisch. Ihr strähniges Haar ist schmutzverkrustet, ebenso ihre Hände und Gesichter. Der Wanderer, langsam satt gegessen, will sie schon unwirsch abweisen, denn langsam machte sich bei ihm die Müdigkeit bemerkbar. Immerhin hat er die letzten beiden Nächte vor Hunger und Erschöpfung kaum ein Auge zugetan.
Der ältere der beiden Knaben streckt ihm ein sauber gefaltetes Stück Papier entgegen. Abgesehen von zahlreichen dunklen Fingerabdrücken macht das Papier einen ungewohnt sauberen und förmlichen Eindruck. Dies mag auch der Grund dafür sein, warum er sich trotz der bleiernen Müdigkeit schliesslich dafür zu interessieren beginnt. Zudem bleibt ihm keine andere Wahl. 'From school. Our teacher write letter.' stammelt der Knabe schliesslich. 'You Inglesi read this', fügt er nun noch etwas bestimmter hinzu. Der Mann nimmt das Papier in die Hand. Es sieht aus, als wäre es eben säuberlich aus einem Schulheft heraus gerissen worden. Auf den feinen Linien entziffert er schliesslich folgenden Text: 'Please riding this.' Er unterdrückt krampfhaft das Lachen, da offenbar der hiesige Lehrer mit der englischen Rechtschreibung nur entfernt bewandt ist. So hat er doch anstatt 'Bitte dies lesen' 'Bitte dies reiten' als Überschrift gewählt. Nach einer kurzen Pause fährt er fort. 'Wir haben 15 Schüler in einem Privathaus. Wir wollen richtige Schule bauen aber haben kein Geld dafür. So bitten wir alle Touristen, etwas Gutes zu tun.' Unterzeichnet ist der Brief im Namen des Lehrers und aller Schüler.
Da der Brief in solch komplizierten und fehlerhaften Englisch geschrieben ist, liest er ihn noch einige Male durch und schliesslich auch laut vor. Erst langsam dämmert ihm, dass er um eine Spende für ein neues Schulgebäude gebeten wird. Aber wurde dieses Schreiben tatsächlich von einem Lehrer verfasst? Er kann es fast nicht glauben und verdächtig schon die beiden Jungs, ihm auf zugegebenermassen clevere Art etwas Geld abknöpfen zu wollen. Doch er kann seinen Gedanken nicht zu Ende spinnen, denn mittlerweile hat sich unter den Umstehenden eine hitzige Diskussion über den Inhalt des Briefes entfacht. Ein älterer und verhältnismässig gepflegter Herr stellt sich schliesslich als weiteren Dorflehrer vor und bestätigt unserem Wanderer, dass der Brief tatsächlich von seinem Kollegen verfasst worden ist. Gemeinsam gehen sie nochmals Satz für Satz durch und stocken schliesslich in der letzten Zeile beim Wort 'good'. Der Lehrer scheint sich plötzlich nicht mehr so sicher zu sein, ob es nun 'good' oder 'god' heissen sollte, also 'gut' oder 'Gott', im Englischen bloss durch ein 'o' voneinander zu unterscheiden. Der Wanderer versucht ihm nun zu erklären , dass es aus dem Zusammenhang heraus 'good' mit zwei 'o' heissen müsse und daher korrekt geschrieben sei. Doch der Lehrer lässt so schnell nicht locker und bohrt weiter. Zwischendurch scheint er die angeregte und mittlerweile schon eher skurille Diskussion fortwährend in die lokale Sprache zu übersetzen, so dass sich auch die Umstehenden rege daran beteiligen.
Da der Wanderer immer noch überzeugt ist, dass das 'good' dort seinen rechtmässigen Platz habe und es auch um keinen Preis um ein 'o' schmälern will, fragt ihn der Lehrer unvermittelt, ob er denn Gott nicht möge, da er so auf dem Gut beharre. Rings um den verdutzten Wanderer herum ist es plötzlich totenstill geworden. Alles scheint auf seine Antwort zu warten, doch vor lauter Vewirrung kann er erst mal keinen klaren Gedanken fassen. Hatten sie nicht gerade ein sprachliches, oder genauer gesagt ein orthographisches Problem diskutiert, und nun sind sie unvermittelt bei der Religion angelangt?
Unsicher darüber , was er antworten soll, schaut sich der Waderer um. Die wogende Masse aus sonnengebräunten Gesichtern, filzigen Wollmützen und darunter hervorquellenden Bärten ist noch näher gerückt. Unzählige dunkle Augen verfolgen aus unergründlicher Tiefe jede seiner Regungen. Die Stimmung hat unvermittelt einen bedrohlichen Unterton angenommen. Schliesslich setzt er an 'ich, äh, nein, ich meine ja natürlich ...'.
Wahrscheinlich wird nie jemand herausfinden, wer den ersten Stein geworfen hat. Auch nicht den Zweiten und vorallem der Dritte, der den Wanderer so unglücklich an der Stirn trifft, dass er vornüber auf den Tisch sinkt. Sein Kopf liegt genau auf dem unheilvollen Stück Papier und ein dünnes Rinnsal Blut aus seiner Platzwunde macht sich gerade daran, die Tinte, mit der das schicksalshafte Wörtchen 'good' geschrieben wurde, für immer vom Papier zu löschen...

Anmerkung: Diese Geschichte basiert auf einem Erlebnis, das mir in ähnlicher Form wiederfahren ist. Ich möchte die Geschichte jedoch ausdrücklich als fiktiv verstanden wissen (besonders was den bösen Ausgang betrifft...)!
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