Schimmel und Porto Allegre

Trip Start Jul 23, 2004
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Trip End Nov 03, 2004


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Saturday, September 4, 2004

Guten Morgen!

Bevor ich in meine Wochenendaktivitäten starte, will ich für Euch doch noch die Ereignisse der letzten zwei Tage festhalten.

Am Donnerstag hatte ich die ersten zwei Interviews mit Schering-Kollegen.
Das erste Interview mit einem Arzt, den ich schon von Mails her kannte, auf Englisch.
Das zweite Interview mit dem Controlling-Chef von Schering do Brasil, der für die Weitergabe der Dokumente für den Medikamentenerstattungsprozess (was für ein Wort) zuständig ist.
Beide Interviews waren sehr interessant, das erste etwas mehr, weil mir dieser Kollege, dank seiner medizinischen Vorbildung mehr Fragen beantworten konnte.

Besonders interessant ist die Frage nach hiesigen Preislisten: Alle wissen, dass es welche gibt. Aber viele verweisen immer auf andere und somit habe ich bisher nur teilweise verwendbare Liste gesehen.
Allerdings können ja ohne lokale Preise für medizinische Leistungen auch keine Modellrechnungen für Brasilien aufgestellt werden ... aber wenn ich das nicht schaffe, während meiner Zeit, dann gebe ich ihnen das halt als "Feedback", dass diese Listen gebraucht werden.

Mittag gab's in einem Büffetrestaurant, diesmal ohne Waage. Ich war mit Nils (dem deutschsprachigen Kollegen) und Steffanie (rein deutsch) sowie anderen Kollegen dort.
Diese Art von Essgelegenheiten ist wirklich umwerfend. Man hat ein komplettes Büffet mit Vorspeisen, Hauptgerichten und Nachtisch und zahlt dann für alles vielleicht 4 Euro - ein krasser Kontrast zum Supermarkt.
Aber ich habe auch mal gehört, dass der Unterschied zwischen billigen Supermarktpreisen und dafür teureren Restaurants in Deutschland ganz besonders ausgeprägt sein soll.

Vor meinem Treffen mit dem Controller klärte ich mit Cosma, Produktmanager für alle Onkologieprodukte, die Transporteinzelheiten für Freitag. Ich bekam wieder zwei Taxigutscheine und die Auskunft, dass mich das Taxi 5:30 Uhr abholen würde - Vorfreude stellte sich sofort ein.

Maria rief dann am Donnerstag noch mal an. :) Wir haben wieder allei bequatscht und während ich dann zum Abendessen in die Shoppingmall ging, ging Maria wohl schlafen.

Kurz vor dem Telefonat hatte ich noch ein mehr oder weniger witziges Lebensmittelerlebnis.
Am Mittwoch hatte ich mir ein paar Kekse, Äpfel, was man halt so ohne Küche braucht, gekauft.
Unter anderem abgepackten Kuchen mit Zuckerguss. Wie sich herausstellte hatte es dieser Kuchen in sich.
Schon am Mittwoch schmeckten Teile des Kuchens so, als seien sie mit Zitronensäure oder mit Konservierungsmittel behandelt worden.
Kurz vor dem Telefonat fand ich dann den wahren Grund. Ich ass den Rest eines kleinen Stück und sah dann in der Mitte des Kuchens eine grünlich-blaue Stelle mich anlachen.
Das war dann wohl der Grund für den Geschmack und auch die Erklärung für mein erhöhtes Toilettenbedürfnis.

Freitag ging es dank lustiger Taxizeit kurz vor fünf raus aus dem Bett. Das Taxi kam auch überpünktlich, so dass ich schon 5:40 Uhr am Flughafen war, 20 Minuten früher als geplant.
Cosma kam gegen 6:00 Uhr und mir fiel an dem Morgen ganz besonders auf, an wen er mich erinnert - an Karel Gott.
Ich werde versuchen von der gesamten Crew ein Bild zu machen, dann könnt Ihr das selbst begutachten.
Nach James Brown, alias Miguel, meinem Spanischlehrer nun also Karel Gott - ich bin gespannt, welche Stars ich noch so als Double kennenlerne. ;-)

Der Flug war zügig und unkompliziert, mein Meilenkonto der Lufthansa wird wieder gelacht haben und mein Gesundheitsgedächtnis jammerte kurz auf. Ich hatte nämlich gestern gelesen, dass ein Flug von Deutschland auf die Kanaren mehr Röntgenstrahlung auf den Körper einwirken lässt, als alles Röntgen, dass man in seinem Leben hat ... nun ja, trotzdem find ich Fliegen spannend.

In Porto Alegre, Südbrasilien, 1,5 Millionen Einwohner, weitaus eher wie eine deutsche Stadt als Sao Paulo holte uns der Schering-Vertreter für diese Region ab.
Es ging dann gleich ins erste Krankenhaus, zu einer Hematologin, die ein paar interessante Informationen über Erfahrungen zu einem unserer Medikamente haben sollte.
Und die hatte sie dann auch.
Da sie kein Spanisch konnte, lief das Gespräch dann auf Englisch. Sie war sehr, sehr herzlich.

Vollkommen im Unterschied zu Deutschland wird hier wirklich fast ausschliesslich geduzt.
Diese Ärztin z. B., wurde mir als Dr. Lucia vorgestellt. Mal abgesehen davon, dass sie sogar Prof. ist, heisst sie Lucia Silla.
Aber das ist hier wirklich üblich.

Beim zweiten Treffen mit einer Ärztin sah ich leider etwas schlechter aus. Zum einen lief das gesamte Gespräch auf Portugiesisch, so dass mir streckenweise nur intelligent und interessiert gucken übrig blieb.
Zum anderen hatte ich zu diesem Medikament vorab keine Informationen.
Und meine Nase meinte, sie müsste mit der linken Seite einen kleinen Bach imitieren - was mit zwei Taschentüchern ein gar fantastisches Unterfangen ist.

Aber auch dieses Treffen ging vor. Diesmal gab es Mittag in einer "Churrascaria" - eine Art Mekka für Fleischliebhaber.
Es war eine Mischung aus Buffetessen und Fleischsorten vom Rind am Spiess.
Auf seinem Platz hat jeder Gast eine Karte. Eine Seite grün mit "Ja", eine Seite rot mit "Nein".
Anhand dieser Karte signalisiert der Gast den umherschwirrenden Fleischspiesspräsentatoren, dass sie Fleisch wollen, oder eben nicht.
Bei den Herzen von irgendwas, ich verstand den Namen nicht, passte ich. Ansonsten probierte ich relativ viel aus, selten wissend, welches Teil vom Rind es eigentlich sei.
Sehr viel leckerer und umso wertvoller, weil ich endlich weiss, wie es heisst und was es ist, war allerdings eine Beilage: Manyok.
Irgendwann mal im gegehört und in Foz do Iguacu einmal gegessen ohne den Namen zu kennen, deckte sich hier "alles" ;-) auf.
Manyok ist ein wenig wie Kartoffel, nur faseriger.
Ich habe sie bisher immer nur frittiert gegessen - und sie ist ein echter Hit.

Anschliessend ging es zum Flughafen. Auf dem Weg dorthin erfuhr ich von Cosma ein paar Gesellschaftsinfos, die mich ja immer interessieren:
Generell wohnen Brasilianer so lange bei ihren Eltern, bis sie heiraten und sich dann eine Wohnung kaufen.
Für unsere Verhältnisse günstig sind hier Eigentumswohnungen - normale Wohnung kosten pro qm ca. 300 Euro. Allerdings ist der Verdienst hier doch sehr viel geringer.
Die Regierung bezeichnet alle, die umgerechnet monatlich ca. 2100 Euro netto verdienen als reich.

Der Rückflug war dank flexibler Handhabung der Fluggesellschaft zwei Stunden früher als zuerst abgesehen. Allerdings war dieser Flug nicht ganz so eine Wonne.
Vor mir sass, wie sich danach herausstellte, ein ca. 1,70 m grosser Mann, der meinte, er müsste sein Komfortbefinden erhöhen indem er meine Beinfreiheit vollkommen einschränkte. Ganz toll, aber zum Glück nur für 1,5 h.

Mein Taxifahrer vom Flughafen hatte überhaupt keine Ahnung, wo er langfahren soll.
Anstelle der direkten Verbindung - es sind nur ca. 4 km, das sagte zumindest die erste Taxiquittung, fuhr er über die weitschweifigen Schnellstrassen, was den Transportpreis verdoppelte und mich eine Zeit lang unruhig im Taxi herumzappeln liess.

Und zum Abschluss des Tages schaute ich mir dann 9/11 im Kino an. Ich bekam wieder diesen "Dein Studentenausweis ist gefälscht"-Blick von der Kassiererin, aber sie liess mich trotzdem damit rein.

Heute morgen war mal wieder ein kurzes Heimattelefonat angesagt.
Jetzt gleich werde ich mich auf die Suche nach der neuen Adresse der Wäscherei machen - die sind am 01.09. umgezogen. Und danach geht's in die Stadt. Da das Wetter heute eher herbstlich ist, werde ich mir wohl eher Museen anschauen, als die Parks unsicher zu machen.

Viele Grüsse und ein schönes Wochenende,

Rinne
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