Atem(be)raubende Passfahrt

Trip Start Dec 05, 2011
1
10
18
Trip End Oct 17, 2012


Loading Map
Map your own trip!
Map Options
Show trip route
Hide lines
shadow

Flag of Argentina  , Catamarca,
Wednesday, May 9, 2012

Nachdem mein letzter Reisetagebucheintrag doch etwas kurz ausfiel, fasse ich mich nun etwas länger – schließlich habe ich wieder viel erlebt!

Nachdem meine Familie und Probst ihren Rückflug antraten, begab ich mich mit meinem Fahrrad zu einem seriös anmutenden Fahrradmechaniker. Schließlich musste doch das ein oder andere nach erfolgreichen 3500km erneuert werden…
Zusätzlich zu meiner malträtierten Vorderradfelge, einer neuen Kette und neuen Bremsbelägen musste auch noch die Hinterradfelge gewechselt werden, da diese bereits einen kleinen Schlitz aufwies… So fuhr ich erst gegen 22.00 Uhr mit meinem geliebten Rad ins Hostal und bereitete alles für die Weiterfahrt vor.

Um nicht mit dem vollbepackten Rad aus der versmogten Millionenstadt Santiago fahren zu müssen, entschied ich mich mit dem Bus bis nach La Serena an der Pazifikküste zu fahren. Von hier aus führt eine Strasse über den höchsten Pass Chiles nach Argentinien. Ein ehrgeiziges Unterfangen, zumal der Paso Agua Negra mit 4780m nur geringfügig tiefer als der Mont Blanc ist und der Winter bereits bedrohlich nahe rückte.
Ein Telefonanruf zu den chilenischen Zöllnern sollte Klarheit schaffen, ob der Pass überhaupt noch fahrbar sei. Und siehe da: Im Moment noch kein Schnee und der Pass sei offen.

So machte ich mich guten Mutes und mit Proviant für 6 Tage nach Vicuña auf. Doch schon am nächsten Tag sollte sich meine Gemütslage ändern: Es regnete… Und was das für den Pass bedeuten sollte war offensichtlich: Schnee…
Nachdem ich einen Schlechtwettertag ausgesessen hatte, machte ich mich dennoch Richtung Grenzposten auf, da für die kommenden Tage schönes Wetter vorausgesagt wurde.
Meine Ungewissheit, ob der Pass wieder öffnen würde, wurde erst kurz vor dem Grenzposten beendet: Ein Polizeiauto hielt mich an und die freundlichen Beamten teilten mir mit, dass der Pass im Moment geschlossen ist und wohl auch nicht so schnell wieder geöffnet werde… So blieb mir nichts anderes übrig als die hart erkämpften Höhenmeter wieder zu vernichten und nach La Serena zu fahren. Kein schönes Gefühl… Doch in meinem Hinterkopf hatte ich bereits einen Plan-B.

400km nördlich gibt es einen anderen atem(be)raubenden Grenzpass, der aufgrund seiner geografischen Lage länger offen ist: der Paso San Francisco (4725m).
Doch dies bedeutete erstmals 400km auf der vielbefahrenen Ruta 5 / Panamericana durch die Atacama Wüste bis nach Copiapo zu fahren.

War der erste Viertel der Strecke noch recht abwechslungsreich und hügelig, gestaltete sich der Rest etwas monoton. Doch mit guter Musik im Ohr und einem guten Bass konnten mir auch 30km lange geraden und die unmenschliche Hitze (max. 38C) nicht viel anhaben. Und wann doch steuerte ich eine Posada (Raststätte) an, genoss den Schatten, ein kaltes Getränk und die netten Unterhaltungen mit den Chauffeuren und dem Servicepersonal.
 
Als ich nach drei schweißtreibenden Tagen endlich in der schmutzigen Minenstadt Copiapo eintraf, war 1. Mai und die halbe Stadt versammelte sich auf der Plaza.
Glücklicherweise hatte ein chinesisches Restaurant geöffnet und ich futterte gleich zwei Hauptgerichte, ehe ich mich aufs Ohr legte.
Anderntags bereitete ich wieder alles für die Andenquerung vor: Proviant für  7 Tage, 9l Wasser und alle wichtigen Informationen über den Straßenzustand und die Trinkwasserversorgung.

Mit einem etwas mulmigen Gewühl aber großer Vorfreude auf die Anden verließ ich das neblige Copiapo und als ich 25km weiter vor einer grossen Kreuzung mit der Aufschrift "Ruta International Paso San Francisco" stand, gab es kein zurück mehr.
Der aufbrausende Westwind peitschte mich immer weiter in die einzigartige Gebirgswelt hinein. Die Piste war auch vom feinsten, da sie jede Nacht bewässert wird um sie für den Schwerverkehr der Minen fahrbar zu machen. Mit der einsetzenden Abendsonne begannen dann auch die Berge in den verschiedensten Farben zu leuchten.
Von rot, gelb bis hellgrün fand sich fast das ganze Farbspektrum in irgend einer Felswand. Noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichte ich eine kleine Posada, wo ich mein Zelt aufschlagen durfte und zu einem Tecito (Tee) eingeladen wurde.

Nach einer milden und sternenklaren Nacht führte mich mein Weg durch eine erstaunlich abwechslungsreiche Gebirgswelt bis auf 3300m. Durch enge Schluchten, staubtrockene Ebenen und grüne Weideflaechen wand sich die Strasse immer weiter empor. Als nach fast 60km endlich die grosse Goldmine von Can Can auftauchte, war ich beruhigt – hatte ich doch bereits meinen gesamten Trinkwasservorrat verbraucht.
 
Ein Arbeiter führte mich sofort in die grosse Werkskantine, wo ich so richtig verwöhnt wurde: Hackplätzli mit Kartoffeln, ein Salatteller, warme Brötchen, eine Cola und zwei Flaschen Mineralwasser für den Weiterweg! Ich war sprachlos über die chilenische Gastfreundschaft, hatte ich doch eigentlich nur nach Trinkwasser gefragt …
Ohne einen Peso zahlen zu müssen, mit vollem Magen und aufgefülltem Trinkwasservorrat verließ ich die Mine und suchte mir ein passendes Nachtlager abseits der Straße.

Der dritte Tag meiner Andenquerung war einer der intensivsten. Erstmals sollte ich mit dem Rad auf über 4300m klettern, ehe ich nach einer rasanten Abfahrt den chilenischen Grenzposten am Salar de Maricunga erreichen sollte.
Just als ich die 4000m Markte erreichte und meinen Puls wieder etwas senken musste, tauchte ein grüner Camper unter mir auf. Ich traute meinen Augen kaum: Es waren Laura und Heiri (www.thegreensprinter.ch), welche ich bereits von Patagonien her kannte. Unsere Wege kreuzten sich seit Januar immer wieder, doch hier oben in dieser verlassenen Gegend hätte ich die Steffisburger Weltenbummler nicht erwartet. Schließlich hatte mich am heutigen Tag erst ein Auto überholt …
Nach einem netten Schwatz und nachdem ich zu einer unglaublich guten Cola eingeladen wurde, machte ich mich wieder auf den Weg – immer weiter hoch – in die unglaublich bunte Bergwelt. Nach jeder Kehre musste ich kurz anhalten, um nach Luft zu schnappen, doch die Aussicht entschädigte für jede Mühe!
Der grüne Camper war schon längst über alle Berge, als die ersten Schneefelder entlang der Straße auftauchten. Doch ein Ende der Steigung war immer noch nicht in Sicht.
4280m: Eine letzte Atempause, eine Kurve später und plötzlich weitete sich der Blick durch die glasklare Luft: Schneebedeckte und vergletscherte Vulkane, bunte Hochebenen mit weissen Salzflächen, leuchtend gelbes Punagras, glasklare Bergbäche und saftig grüne Täler… - Unglaublich!
Und mittendrin ein 24 jähriger Emmentaler Fahrradfahrer, der sein Glück kaum fassen konnte. Genau für solche Momente lohnen sich die Strapazen. Bewusst langsam rüttelte ich die Abfahrt bis zur chilenischen Grenzstation hinunter. Vor mir eine riesige Salzebene – der Salar de Maricunga und dahinter die ersten 6000er Gipfel.

Der gelangweilte Zöllner wollte mir zuerst gar nicht glauben, dass ich mit dem Rad unterwegs bin. So verließ er seinen durchgesessenen Stuhl und begutachtete mein vollbepacktes und staubiges Rad, welches vor dem Haus stand. Wieder im Gebäude blätterte er in einem dicken Buch und sagte: "Letztes Jahr sind nur 5 Fahrradfahrer über den Pass gefahren – es gibt halt nicht so viele Locos (=Spinner) auf dieser Welt!" Er grinste und drückte mir den Ausreisestempel in den Pass.
Da es doch schon spät wurde, durfte ich meinen Schlafsack in der großzügigen Abfertigungshalle neben dem Röntgengerät ausrollen und war froh nicht irgendwo in der stürmischen Ebene campieren zu müssen.

Anderntags durfte ich auf einer nagelneuen Asphaltstraße dahinrollen.In einem Jahr sollte dann die gesamte Strecke bis zur Grenze asphaltiert sein, sagte mir ein stolzer Straßenarbeiter. Doch momentan fehlen noch gut 70km…
Unterwegs kamen mir wieder Laura und Heiri entgegen. Sie hatten an der Laguna Verde übernachtet. Ich war beruhigt, als sie mir berichteten, dass es auf der Strecke immer noch Schneefelder gebe.Meine Trinkwasserversorgung sollte also gewährleistet sein.
Einmal mehr verabschiedete ich mich von den beiden sympathischen Steffisburger – mit der Gewissheit, dass sich unsere Wege bestimmt wieder kreuzen werden.

Bei den letzten Straßenarbeitern angelangt, bekam ich zwei unheimlich gute Empanadas geschenkt, eine kleine Flasche Fanta und tauschte eine Tafel Schokolade gegen zwei Äpfel! Sogar Facebook-Adressen wurden getauscht!
Es war den Arbeitern anzumerken, dass sie jede Abwechslung schätzten, schuften sie doch drei Wochen lang in dieser einsamen Gegend, bevor sie für eine Woche zu ihren Familien zurückkehren dürfen.

Von nun an war Schluss mit Asphalt. Am fünften Tag meiner Passfahrt und einer bitterkalten Nacht auf 4500m (-15C) erreichte ich endlich die Laguna Verde und gönnte meinen müden Beinen ein warmes Bad in den Thermalbecken neben der Salzlagune. Da zwischenzeitlich hohe Wolken aufgezogen waren, entschied ich mich noch am heutigen Tag über den Pass zu fahren.
Es lagen noch 500 Höhenmeter auf einer 19km langen sandigen Piste vor mir - und dies auf einer Höhe von über 4200m

Nahe am Limit (nur dank Trudis und Pauls “Powerseckli” nicht über dem Limit! Vielen Dank noch einmal!) und kurz vor dem Sonnenuntergang tauchte dann plötzlich das grosse Grenzschild vor mir auf. PASO SAN FRANCISCO – 4725M
 
Ich hatte es geschafft – ein unglaubliches Glücksgefühl machte sich in mir breit. Hinter mir 5 intensive Tage, 4300 Höhenmeter auf 300km chilenischer Piste und vor mir lag eine astreine argentinische Asphaltstrasse, welch ich mit gut 70km/h herunterjagen konnte.
Im letzten Licht erreichte ich die argentinische Grenzstation und durfte im Strassenarbeitercamp übernachten, ehe ich am nächsten Morgen weitere Höhenmeter vernichten durfte.

Die Landschaft war einmal mehr sagenhaft schön und ich musste einige Male die Felgen gluehig bremsen und meinen Fotoapparat auspacken: Unzählige Hergen der suessen Guanacos (wilde Lamas) weideten im fruchtbaren Tal, dahinter die mit Punagras bewachsenen Berghänge und darüber die höchsten Vulkane der Erde (z.B. Ojos de Salado – 6890m).

Nach 90km und ohne ein Auto angetroffen zu haben, erschien plötzlich ein riesiger Hotelkomplex. Da es bereits 15.00 Uhr war, der erste nennenswerte Ort weitere 100km entfernt war und ich keinen Bock auf ein weiteres Pasta Abendessen hatte, leistete ich mir ein warmes Zimmer und eine grosse Milanesa (Schnitzel) mit Salat. Ich war übrigens der einzige Gas (gesamthaft ca. 50 Zimmer…) und durfte mit dem Koch und dem Service-Chef (die gesamte Hotelequipe) Tischtennis spielen. Und dies auf einem selbst gebastelten Tisch (zwei Kuechentische und eine Holzplatte als Netz) in immer noch 4000m Höhe!

Am frühen Abend dann eine weitere faustdicke Überraschung: Ein zweiter Gast tauchte auf  - auf dem Rad: Es war Julian aus Bayern! Exakt am 17. Januar hatten wir uns auf dem Campingplatz von El Chalten in Patagonien getroffen, ehe ich für zwei Wochen um den Cerro Torre treckte. Und nun hier im nirgendwo kreuzten sich unsere Wege abermals. Wie sich herausstellte versuchte auch er sich am Paso Agua Negra (allerdings von der argentinischen Seite aus) und wurde vom selben Schnee gebremst, der mich in Vicuña zur Umkehr zwang. Genau wie ich entschied auch er sich via den Paso San Francisco die Anden zu überqueren.
Wir teilten uns ein Zimmer und quatschten bis in die Nacht, schliesslich hatten wir seit El Chalten viel erlebt.
Nach einigen harten Tischtennisfights (Julian und ich gegen die beiden Lokalmatadoren) wurde es bereits Mitternacht und ich konnten Julian zu seinem 21. Geburtstag gratulieren!

Welch verrückter Tag!

Am nächsten Morgen sollten sich unsere Wege vorerst wieder trennen, doch verabredeten wir uns schon mal provisorisch für Ende Mai / Anfang Juni in San Pedro de Atacama, um ev. Gemeinsam nach Bolivien zu radeln.
Schnell verlor ich Julian aus den Augen, der gegen den starken Wind ankämpfen musste und sich jeden Höhenmeter hart erkämpfen musste. Und dies an seinem Geburtstag…
Ich hingegen rauschte mit einem kräftigen Rueckenwind und einem schönen Gefälle der Wuesteoase Fiambala entgegen.

Exakt 500km nachdem ich Copiapo verlassen hatte, genoss ich wieder alle Annehmlichkeiten der Zivilisation (wieder einmal rasieren, Wäsche waschen, ein schönes Stueckli argentinisches Rindfleisch verputzen, …) und spannte in den nahegelegenen Thermalbecken aus.

So soll es sein! Hasta luego
Slideshow Report as Spam

Comments

Stefan on

Michu, du machst mich ganz neidisch! Freue mich, dass es mit dem Pass geklappt hat. Weiterhin gute Fahrt! Und ja, ist ein guter Text :-).

Ma on

Hola Mich, dein Bericht war ein Genuss zum Lesen! Die Fotos sind wiederum superschön.... Que te vayas bien! Ma y Pa

Marianne on

Schöne Bilder, spannender Bericht und abenteuerliche Reise, ganz einfach beneidenswert, ausser du befindest dich gerade auf einer Passfahrt ;-) Machs guet, häb dr Sorg und vorauem: Gniesses!!!! Liebe Gruess Marianne

Chrige on

Wieder: muy interesante, Michu! Die Bilder sagenhaft schön und was du da leistest einfach toll. Reisen ist magisch- besonders wegen all der unerwarteten Begegnungen mit lieben Menschen! Weiterhin gute Fahrt.

Ma y Pa on

Querido Mich
Feliz cumple y todo lo mejor para ti en el ano que viene!
Besos desde el Burgacker tu Ma y tu Pa

Martin Zumsteg on

Hei Michi
Herzlichi Gratulation zum Geburtstag. Wünsch dr witerhin eh spannendi Reis.
Gruess Martin

Grossva vo Africa on

Toll, was Du alles leistest, Micheli. Das ist und bleibt wohl für immer
ein Höhepunkt in Deinem Leben, den Du nie mehr vergissts.
Ich bin sehr stolz auf Dich, und ich hoffe, dass Dir Dein Schutzengel
weiterhin beisteht.
Ich frfeue mich auf das Wiedersehen in old Switzerland
Dein Grossva vo Africa

Add Comment

Use this image in your site

Copy and paste this html: