Verwüstete Landschaften

Trip Start Jan 11, 2010
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Trip End Mar 05, 2010


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Flag of Canada  , British Columbia,
Tuesday, February 9, 2010

Der vorletzte Tag auf der Tour de Kanada bricht an, zum lezten Mal muss ich mir eine Unterkunft suchen. Ab Morgen bin ich in Vancouver und hab wieder eine geregelte Unterkunft. Die Berge sind geschafft, die Einzelzeitfahren durch, das Gesamtklassement ist fix. Es stehen noch zwei Etappen an, eine durch welliges Terrain, ideal für Ausreißer wie mich und Morgen dann das Ausrollen zum Endziel. Die heutige Etappe war knappe 430km lang damit wie geschaffen, um mal seinen Tank zu testen. Laut Hersteller passen 50l rein, ich verbrauch 6-8l und dennoch bekomme ich selbst vollgetankt immer eine Reichweite unter 500km. Gestern habe ich bereits 80km verbraten, ich müsste nach der Restanzeige also genau bis Kamloops kommen.
So richtig durchs Hochgebirge ging es heut nicht mehr. Die Straße führte durch ein ziemlich großes Tal, über Bergpässe ging es nicht mehr. Dies soll nicht bedeuten, dass die Landschaft minder spektakulär gewesen wär, auch wenn sie stellenweise ein gänzlich anderes Betrachtungsbild lieferte. Ich trau mich heute sogar mal, diese zu beschreiben. Es gab nur wenig Seen und die Berge waren so steil, was zur Folge hatte, dass sich fast wie in Ontario endlose Nadelwälder durch die Täler und über die Hänge erstreckten. Auch bin ich hier an der Westseite der Rockies, die durch den in Reichweite liegenden Pazifik immer genügend Feuchtigkeit abkriegen, im Winter damit Schnee. Die Wälder waren also mit Puderzucker überzogen. Zusätzlich war es stark bewölkt, was heute aber absolut ins Bild passte. Die dichte Wolkendecke verschluckte die meisten Gipfel und tiefer liegende Wolkenfetzen wanderten durch die Täler, was der Landschaft eine absolut faszinierende, fast schon mystische Stimmung verlieh. Wenn nicht der Highway und die Eisenbahn dagewesen wären, könnte man dies fast schon als vormenschliche Szenerie beschreiben.
Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob die Kanadier wirklich wissen, in was für einem landschaftlich einzigartigen Land sie leben. So wie die Jungs und Mädels hier an mir vorbeizischen gibt es absolut keine Chance die Naturbilder zu genießen. Selbst wenn man hier wohnt wag ich zu bezweifeln, dass man sich mal satt sehen kann. Später wandelte sich die Szenerie in einen Hitchkok-Film, ich betrat verbrannte Erde, im wahrsten Sinne des Wortes. Es war Waldbrandgebiet und an zwei Stellen hatte es mal gewütet. Ich war erstaunt, wie langsam die Natur sich die Gebiete zurückerobert, Prybjat ist nach 20 Jahren vor lauter Natur kaum mehr zu erkennen. An einer Stelle brannte der Wald laut Infotafel vor 14 Jahren und die Flächen sind noch mehr als deutlich zu erkennen. Es stehen sogar noch die verbrannten Baumstumpfe. An der anderen Stelle muss es erst vor kurzer Zeit gelodert haben, hier stehen noch nicht mal Setzlinge. Absolut gespenstig solche Wälder zu sehen.
Etwas was mir an Kanada ganz besonders gefällt ist die Abwechslung, die dieses Land bietet. Bisher hatte ich Landschaften, die ihr Klima von Seen erhalten, bis zum endlose Nadelwälder, Küstenstreifen, bis zum Horizont reichende, brettflache Präriesteppen und wie Hochgebirge. Heute kamen zwei weitere Landschaftstypen hinzu. Zuerst begrüßten mich die hügeligen Ausläufer der Rockies, welche ein Mittelgebirge bildeten. Die Berge waren rundgeschliffen, die gesamte Landschaft wirkte wie ein Wellenbad. Dementsprechend war auch die Straße, womit es einen ungeheuren Fun machte sie zu befahren. Es ging praktisch 100km lang nicht gerade aus. Ständig Kurven, Auf und Ab über Brücken und durch Einschnitte. Ziemlich krass auch der Wetterkontrast, denn hier fehlten gewisse Dinge, welche die letzten zwei Wochen meine ständigen Begleiter waren: Schnee und Kälte. Es war fast wie in einem anderen Land bei Plustemperaturen Erde zu sehen, auf der Kühe und Pferde grasen. Der Eindruck wurde noch krasser, als die Landschaft kurz vor Kamloops fast gänzlich vegetationslos wurde. Es sah fast aus wie Wüste und zu meiner Verwunderung ist sie das auch. Laut der Erläuterung der Besitzer der heutigen Unterkunft befindet sich Kamloops in einer Halbwüste, es fallen hier weniger als 300mm Jahresniederschlag. Die Landschaft ist damit Schroff und rau aber wieder einmal absolut fantastisch. Die Lage von Kamloops tut ihr übriges dazu. Direkt am Zusammenfluss zweier Ströme gelegen und an die Talhänge der umliegenden Hügel gesetzt, kann man wunderbar die Szenerie überblicken. Erst recht zur Dämmerung, wenn die tiefstehende Sonne die kargen Hänge in ein rostbraunes bis rötliches Licht taucht, fast wie in Australien. Am besten kann man diesen Eindruck an Uferpark auf sich wirken lassen, eine knapp 20km lange Promenade, die sich zu beiden Seiten der Flüsse erstreckt. Absolut faszinierend ist es auch, in Kanada auf Sandstände zu treffen. Von der Stadt an sich gibt es nicht viel zu berichten. Sie ist das Zentrum für die umliegenden 200km und daher ähnlich wie Sudbury, Thunder Bay und North Bay. Eine größere Hauptstraße, nach wie vor mit Weihnachtsbeleuchtung, in der sich fast alle Geschäfte drängen, ein paar höhere Bankgebäude, die als Regionalverwaltung dienen und eine große Umgehungsstraße am Stadtrand mit den Ausfallstraßen inklusive typischen Gewerbe (Mall, Baumärkte, Tankstellen, Fastfood und Motels). Bemerkenswerte Sachen gibt es auch hier. Die Lage und den Uferpark hab ich ja schon erwähnt. Nicht weit weg vom Flussufer erhebt sich eine Schrägseilbrücke, praktisch im Nirgendwo. Sie dient eher als Kunstobjekt, aber von hier hat man mal wieder eine geile Sicht auf die umliegende Hänge. Der Bahnhof direkt neben der Brücke ist nach einem chinesischen Gastarbeiter benannt, der beim Bau der Transkontinentalen Eisenbahn mitgeholfen hat. Im Uferpark befindet sich noch ein Monument, welches die Stadtgeschichte mit den umliegenden Flüssen verbindet. Auf ihm sind nicht nur die Hochwasserstände der vergangen Jahre eingezeichnet, durch Löcher im Stein kann man auf die umliegenden Berge schauen und die ehemaligen Wasserstände der exakt an der Stelle der heutigen Stadt liegenden Gletscherseen ablesen. Das Areal der Stadt hätte knapp 100m unter Wasser gestanden. Beim Schlendern durch die Stadt stach mich auch noch ein Restaurant ins Auge, was ich so nicht mal in Toronto gesehen habe: Ein Mongolengrill. Fast 1:1 wie das Mongos in München stellt man sich hier sein Menü selber zusammen und bekommt es dann gegrillt wieder. All You Can Eat für 16$. Einziger Negativer Aspekt waren die Getränke. Weil die Bedienung an meiner Erläuterung der Apfelschorle verzweifelte, bestellte ich mich dann einfach ein Softgetränk, wobei damit sogar ein Auto-Refill verbunden war. Aber warum zum Teufel verwenden die hier in Kanada alle Pepsi? Ich hasse Pepsi, es schmeckt als würde jemand seine alten Socken in meinen Mund ausringen. Damit ist also klar, was ich in Zukunft gewerblich mache. Zuerst wird Apfelschorle in Kanada eingeführt und dann werden Tim Horton’s  Filialen in Deutschland eröffnet. McDonald’s sieh dich vor!
Kamloops eignet sich auch hervorragend, um mal wieder die schiere Größe von Kanada zu erläutern. Östlich und damit hinter mir liegen die Rockies, im Süden beginnen die Kaskaden, im Westen und damit vor mir liegen die Coast Mountains, welche sich mit den Rockies weit im Norden zu den Interior Mountains verbinden. Umgeben von diesen vier Gebirgszügen liegt das Interior Plateau, wo auch Komloops liegt, ein Hochplateau mit der Größe von Bayern!
Ach ja, ich bin mittlerweile fast an der Westküste angekommen, also auch in der letzten Provinz und damit auch in einer weiteren Zeitzone. Mittlerweile sind es 9 Stunden, damit kann es passieren dass Frühaufsteher morgens auf einen leeren Blog schauen, weil ich am anderen Ende der Welt noch am schreiben bin. Einfach Geduld haben ;-)

Song des Tages: Interpol - The Heinrich Maneuver (aka Westcoast)

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