Valencia - Land der Orangen

Trip Start Sep 12, 2005
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Trip End Ongoing


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Thursday, February 1, 2007

Valencia - Land der Orangen

Als ich im November in Brüssel über meine Februar-Ferien nachdachte, war schnell klar: Spanien muss es sein. Die Konsultation der Ryanair-Website gab drei einfache, billige, verlockende Möglichkeiten:

Madrid. Barcelona. Valencia.

Ich machte mir drei Lose, und zog eins für den Hinflug: Valencia stand auf dem Zettel.

Rückflug von: Valencia... Mein Glück hat mich also hierher gelotst.

10 Tage Sonne, Abwechslung, Erholung zwischen den Studien im eigentlich gar nicht so verregneten Brüssel?

Direkt nach meiner letzten Prüfung ging der Flieger, zwei durchgerüttelte Stunden und einen kräftigen Applaus der Reisenden später waren ich auf spanischem Festland. Mein erstes Mal... naja, noch nicht ganz: Zwei gelbstrahlende Spanier hasteten durch den dicten Regen und teilten der Crew in fliessender Muttersprache mit, es sei kein Bus für uns da. Vielleicht in fünf Minuten. Oder in zehn? Eine Stunde später wartete ich schon auf mein Gepäck, dann auf den Bus. Das alles bei feinstem belgischen Wetter. Ein breites Grinsen breitete sich über mein ganzes Gesicht aus. Spanien war also auch an der Nordsee.

Direkt nach der Flugbuchung hatte ich vorbereitungshalber hospitalityclub nach Mitgliedern in Valencia durchsucht - und musste dem ersten Mitglied, dessen Profil ich sah, einfach schreiben. Sie bot mir an, die ganze Woche bei ihr zu bleiben - ein Angebot, das wohl niemand ausschlagen kann.

Laia hostete mich, und als "professionelle Träumerin", als die sie sich selbst bezeichnet hatte ich vor der Reise überlegt, ob ich nicht lieber Cris mit einem Besuch in Stockholm überrasche... denn nach der ursprünglichen Zusage hatte sie bis kurz vor der Reise verträumt, mir auch Kontaktdaten oder die Adresse zu geben.

Am Ende ging es gut, und ich liess nur kurz meine Sachen bei ihr, denn das Wochenende würde auf dem Lande vonstatten gehen.

Juanjo ist ein echter Prachtkerl. Auf seinem Internetprofil ist er beim "Frühstück" in München abgebildet - mit zwei Mass Bier in den Händen. Freitag abend begrüsste er mich und ein französisches Pärchen am Bahnhof von Algemesí, 30 Zugminuten von Valencia entfernt, und fuhr mit uns zu seiner Wohnung am Meer, in Cullera. Die Franzosen waren witzig, er ein Strassenkünstler, der Geld ablehnt und sich deshalb von anderen einladen lässt. Sie eine arbeitslose Soziologin. Beide cool drauf, zu viert gingen wir Spanisch essen, Juanjo klingelte den Besitzer eines Krippenspiels aus dem Feierabend, der uns seine Arbeit von drei Monaten zeigte (sehr krass: auf drei Ebenen die gesamte Bibelgeschichte, jedes Jahr neu kreiert) und dann wollten die drei noch um die Häuser ziehen. Juanjo's Wohnung in Cullera ist etwa 150 m vom Meer entfernt, in der belebtesten Bar-Strasse und mit Blick auf die Festung. Sehr praktisch, so nah an der Kneipenmeile zu sein, besonders für einen wie Juanjo. Er schmiss Runde um Runde, brachte uns dazu, alle möglichen Liköre und Wodka-Cola-Mischungen zu probieren, und auch ich verschwendete viel zu viel Geld, was sonst in Kneipen nicht meine Art ist. Es gab im Gegenzug aber auch eine Menge Unterhaltung, der Strassenkünstler tanzte entfesselt und in der dritten Bar umringte ihn bald eine Meute Schaulustiger... Juanjo musste am nächsten Tag arbeiten und dafür um sieben Uhr aufstehen, deshalb ging er gegen drei nach Haus. Wir blieben noch, gegen fünf Uhr schwatzten wir noch etwas auf dem Balkon - schwatzten? kauderwelschten lallend... - und die beiden begannen mit Drogengeschichten, erzählten zusammenhangslos von Schmuggeleien auf der Autobahn und wie sie bis auf die Unterhosen gefilzt wurden, vor allen Autos. Ich verstand Autobahnhof, aber mir war das nicht ganz geheuer. Am nächsten Morgen weckte uns Juanjo kurz nach neun, er hatte verschlafen, war deshalb nicht zur Arbeit gegangen und wollte uns stattdessen die Gegend zeigen. Reis, Orangen, Wasser, Sand - eigentlich alles, was man sich wünscht, war direkt vor der Tür. Die Franzosen waren mürrisch, denn Juanjo hatte sie mit lautem Hämmern gegen die Zimmertür und Geschrei geweckt - ein echt abgefahrener Kunde, und ein surrealer Tag ging dann langsam zu Ende, und Juanjo fuhr mich fünf Kilometer ins nächste Dorf (mit ihm zu fahren war auch immer ein Abenteuer - dauernd betrunken, dauernd am reden, und dann ohne die leiseste Ahnung vom Autofahren, hektisch in seinem kleinen Peugeot...) und erleichtert begrüsste ich Pere in Sueca und verabschiedete mich von Juanjo und seiner Crew.

In Brüssel bin ich in der letzten Zeit nur mit Spaniern unterwegs gewesen, und das war schon eigenartig - 20 Spanier, ein Deutscher... Aber einfach zu lustig um zu wiederstehen. Einer davon ist Pere, und er musste für eine Prüfung nach Valencia zurück. Als er hörte, dass ich nach Valencia komme, lud er mich für's Wochenend ein, wo wir feiern und Paella essen würden, wie er mir voller Vorfreude versichterte.

Jetzt führte er mich durch seine Stadt, Sueca - und die zeigte sich voll von Kultur. 26000 Einwohner, und ich sah zwei Hochzeiten mit extremen Böllerschüssen in der Mitte des Marktplatzes, eine Parade von Fallas-Vorbereitungen (Fallas sind das riesige Volksfest in der Region, bei dem alles vier Tage lang blockiert wird, von 16.-19. März ist einfach nur Party) mit diesen wunderschönen, farbenfrohen handgefertigten Kleidern und ausgelassenem Gesang, und Pere kannte einfach jeden in der Stadt und blieb alle paar Schritte für einige Minuten stehen, um zu plauschen... Wie ein echter Bürgermeister für seine Schäfchen im deutschen Biedermeier stand er dann da und tauschte auf katalanisch (valencianisch, wenn man will) Freundlichkeiten. Seine Eltern waren aus dem Häuschen ob meiner Grösse und meiner Haut- und Lippenfarbe, und wollten unbedingt meine blonden Haare und den Bart anfassen... da fühlte ich mich kurz wie unter Rassisten, oder war ich in Afrika, wo so etwas einfach wirklich aussergewöhnlich ist?? Aber sie waren so herzlich, gastfreundlich und einfach lieb, es war eine wahre Freude. Und ich konnte keine traditionellere Familie kennen lernen, die Mutter mit Schürze, der pensionierte Vater immer im Bademantel, und alle Schreibtische und Möbel waren mit Staubschutzhauben abgedeckt.

Pere leitete den Abend mit einem Essen mit Freunden im Restaurant ein. Keiner von ihnen sprach Englisch, aber vielleicht waren sie auch nur scheu? Schon bei den Eltern hatte ich gemerkt, dass mein Spanisch irgendwo nur geschlummert hatte, und nicht wirklich verloren war, obwohl ich doch nur mit 15 mal ein Jahr Volkshochschulspanisch genossen habe. Pere übersetzte so schlecht zwischen Spanisch und Französisch, dass ich es aufgab und schliesslich einfach versuchte, alles zu sagen. Er war sowieso fast nur an der Bar und trank Anis mit lange nicht gesehenen Freunden. Gegen Ende der Nacht würde ich dann die versammelten Leute mit lustigen katalanischen Sprichwörtern zum Lachen bringen - und diese Nacht war lang, immer lauter, immer eigenartiger, wieder voller Alkohol, und mir kam dieses Dorf wie, sagen wir, Glauchau mit einer Menge Kultur und Stolz. Vom feinen Restaurant in die gute Bar in den mittelmässigen Nachtklub in die lausige Grossdisco... und allen war es bewusst, weshalb jeder möglichst viel trank um diese Tatsachen besser ertragen zu können.

Am nächsten Morgen wurde ich mit Paella und einer guten Diskussion geweckt. Paella, zubereitet von einer Hausfrau, das bedeutet: eine riesige Pfanne Reis mit Seefrüchten, Hühnchen, Oliven und Gemüse, dazu ein Wein aus der Region. Davon eine dreifache Portion, im Restaurant ist eine einfache etwa 20 Euro wert. Das Ganze ersetzt locker Frühstück, Mittag- und Abendessen.

Am Erstaunlichsten an diesem Wochenende war eigentlich der ausgebliebene Kater. Und am Schönsten das Auspressen und Trinken von selbst gepflückten Orangen.

Wieder in Valencia konnte ich endlich die Stadt erkunden, aber die ersten beiden Tage fühlte ich mich einfach nach einer relaxten, vergeudeten Zeit zu Haus, denn dies war ein unerwarteter Teil meines Aufenthalts: das Wetter war regnerisch, die Häuser unbeheizt und nicht auf Kälte vorbereitet. Dazu kam ein kleines Problem: Ich hatte cool sein wollen und war nur mit meiner neuen Kreditkarte und etwas Bargeld angereist. Im Restaurant in Sueca hatte ich mit der Karte bezahlen wollen, danach bei der Bank abheben, selbst in der Deutschen Bank in Valencia war ich, aber die tarjeta spuckte keinen Cent aus. Und so sah ich mich vor einer Woche Ferien mit fünfzehn Euro Taschengeld. Dabei hatte ich doch viel vorgehabt.

Mein Vati hat mich wie immer gerettet, und mir Taschengeldvorschuss per Schnelltransfer gewährt...

Achso, Valencia habe ich natürlich erkundet:

Diese Stadt ist viel besser als ihr Ruf! Ziemlich hübsches Zentrum; feiner Strand; in Strandnähe ein authentisches ehemaliges Fischerviertel mit halbverfallenen Häusern, die eher an die Republik Moldau erinnern; schicker neuer Yachthafen für den ersten in Europa veranstalteten America's Cup dieses Jahr. Und das beste ist der Fluss:

Nach dem letzten Hochwasser in den Sechzigern wurde er um die Stadt herum geleitet und das alte Flussbett zum Park umgestaltet. Jetzt ist jeder nah am Park, einer grünen Oase mit 10 Kilometer feinster Joggingstrecke, Fussballfeldern und Springbrunnen.

Das ganze mündet nicht ins Meer, sondern geht in eine neuartige Anlage über, die "Ciutat de les arts i de les ciències" (Stadt der Künste und Wissenschaften) mit weissen futuristischen Gebäuden für Oper, Wissenschaftsmuseum, einen botanischen Garten und eine Meereswelt. Zugegeben, die meisten Projekte sind eher halbfertig, aber die Architektur dazu ist grossartig, mit der Oper in Raumschiffform und dem Planetarium in Gestalt eines Auges.

Sonst war eigentlich alles wie immer, die Sonne kam heraus und ich bin viel gelaufen und habe ein bisschen Kochen geübt... ich war ja nicht zum Sightseeing und Menschen treffen hier, sondern um ein bisschen zu lesen, zu joggen und mein Spanisch zu testen... damit mach ich jetzt auch weiter, heute den Fluss hin und zurück, der Abschlusslauf, 20 Kilometer.

Ach so, noch was: Selbst hier sind die Leute von Sprachwahn besessen, besonders in den Dörfern. Spanisch ist in der Stadt Valencia die Hauptsprache, und das wird auf dem Land bedauert, weil dadurch nicht genug für das Valenzianische getan wird. Das ist eigentlich ein katalanischer Dialekt, aber auch das wird nicht gern gehört - man will ja seine ganz eigene Sprache haben... unglaublich, aber bis ich ein sprachtechnisch relaxtes Land finde, wird wohl noch eine Weile vergehen.

Bis bald, besos und adios (oder auch adeo), euer Mart
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