Die weissen Morgen...

Trip Start Nov 01, 2004
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Trip End Sep 01, 2005


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Flag of Russian Federation  ,
Sunday, April 24, 2005

Der Zug stand, erwartungsvoll und majestaetisch, im Chisinauer Bahnhof. 1400 km wollte er seine Mitreisenden behueten, um sie sicher an ihrem Ziel Moskau zu entlassen...
Ja, so nostalgisch sollte diese Reise werden - herrlich. Nach 10 Minuten begann eine den Atem nehmende moldawische Proll-Pseudo-Folk-Pop-Musik in das Gehoer nehmender Lautstaerke, begleitet von die Sprache verschlagendem - sie ohnehin uebertoenendem - Fiepen. Der Inhalt der 4 Lieder, die in Schleife gespielt wurden: Hai-cu-mine-la-cinema-fara-tine-este-greu = "Geh-mit-mir-ins-Kino-ohne-dich-ist's-schwer" und Hop-Hop-s-asa = "Hopp-hopp-und-so" - ich bin sicher der geschaetzte Leser fuehlt schon beschwingenden Rhythmus und becircende Stimme im Ohr.
Umgeben von 45-50 jaehrigen Moldawiern, denen ich vorsorglich erklaerte, dass ich arm bin, verbrachte ich eine nette Nacht in schwueler Stickigkeit auf einer zu kurzen Pritsche - gluecklich, sie hier verbringen zu duerfen.
Nachdem die moldawischen Grenzer den Zug verlassen hatten, waren die naechsten eingestiegen, die ukrainischen. Sie fuehrten mich in einen einsamen Raum und tasteten mich ab. Meinen Brustbeutel bemerkte der leicht englischsprachige Grenzbeamte jedoch nicht, dafuer fuehrte er mir vor, mein Taschenmesser koenne als gefaehrliche Waffe dienen (ich habe jetzt selbst Angst vor mir und meinen Moeglichkeiten, sehr beunruhigend...).
Nun erklaerten mir die geschaetzten Beamten, ich habe zwei Moeglichkeiten, entweder zurueck nach Chisinau zu reisen und eine Ausreiseerlaubnis zu besorgen, oder Sixteen Dollars zu bezahlen. Mir wurde klar gemacht, ich sei auf dem Weg in eine "young republic": Transnistrien. Die Erleuchtung. Das Unerwartete. Shit, der Zug durchquerte die Gesetzlosigkeit. 10 Minuten lang fragte ich nun, ob wir auf dem Weg nach, oder aus Transnistrien seien, und betonte, ich wuerde die 16 Dollar bezahlen - "bekomme ich eine Quittung?" Hehe, das erwischt kalt... Nach den 10 Minuten wurden die Meister wirklich unruhig, und ich willigte ein, zu bezahlen - in Lei. Also umgerechnet, 16x12=192Lei, grosszuegig sagte ich 200 Lei zu - und bekam ein entruestetes "Net, 800" zu hoeren.
"800? Wieso, hier, 16x12..."
Nach einigen Anlaeufen schreibt mir der Grenzer die Zahlen in die Luft: "sixteen, sixteen:6 ten." 60 Dollar, mann, mann, die Leute brauchten es sicher nur fuer eine gute Sprachschule. Aber schon recht hohe Ansprueche, fuer einen Staat, der nicht existiert, von niemandem offiziell anerkannt wird, dessen Vertraege fuer den Gelddruck mit der Polnischen Staatsdruckerei ebendort Skandale ausloesen, so wie die Besuche Putins beim Scheffe, Smirnoff. Ice. "You take you bagage and go Chisinau." Ich bat um eine Minute und rief meine Russischlehrerin Natasha (ja, alle heissen so) an (dank des vorherigen Glaubens schon ueber ukrainischen Schienen zu stehen leider mit der deutschen Karte) und als ich das Handy mit ihr meinem Schaetzle reichen wollte, stieg dieser mit enttaeuscht-empoert-frustriert-militaerischem "Net!" aus - und ward nicht wieder 'sehn.
Ich war also ohne Registrierung im sozialistischen Sowjetstaat - Prednjestr.
Wie soll das bei der Ausreise weitergehen??
Am naechsten Morgen (es hatte keine Probleme, und keine weiteren transnistrischen Moechtegerngrenzer gegeben) erwachte ich in meinen kurzen Schlafshorts - und alles war so weiss... Die Brille erleuchtete mich - verdammt, Schnee! 15 Zentimeter. Oh nein. Neiiin!!
Ich war aus dem Sommer in sibirischen Winter gekommen. Der Zug war falsch gefahren. Mit mir mit nichts als leichter Kleidung. Die russischen Grenzer machten keine Probleme und Moskaus Schneeregen empfing mich, genau wie meine Mentorin Antje - zusammen mit ihrem guten Freund Wowa, einem Philosophiestudenten, besuchten wir das Ikea - daheim in Deutschland, daheim in Schweden - daheim in der Globalisierung - nur das Hotdog ist in Deutschland viel besser...
Nach einer weiteren Nacht in einem entspannten russischen Schlafwagen erreichten wir Nishnij Novgorod - und ich hatte mir schon einige Faux-Pas geleistet, von lautem Schnaeuzen bis zu indifferentem Verhalten wenn Damen meine starke Hand benoetigt haetten - nochmal sorry Antje! ;)
Hier waren wir also: eine deutsche Mentorin, ein franzoesischer chaotischer grandioser Sibirienfreiwilliger, drei deutsche Russlandfreiwilliginnen und, naja, ich halt. Dazu noch ein italienischer Schwede mit perfektem Englisch und bemerkenswertem Franzoesisch, der alles, was wir Deutschen besprachen, verstand - und den ich sofort von moldawischen Fotos erkannt hatte :D
Wir besprachen unsere Erfahrungen, Probleme, Wuensche - und es war wirklich klasse zu sehen, dass die Anderen Manches recht aehnlich erfuhren...
Das hier ist ja ein Freizeitblog, also sofort zum Kulturellen... St.Petersburg Ska-Jazz Review gaben Samstag Nishnij die Ehre, und zu perfektem Mix aus Chillout-Jazz, amerikanischer Divenmusik und eben Ska perfektionierte sich der Abend, im Angesichte einer Saengerin, die unglaublich an Kadi in 10 Jahren erinnerte - und mir ein nettes Signum auf die CD drueckte.
Am Sonntag abend, meinem letzten in Nishnij, entspannten wir uns hockend beim Anblick von Bauchtaenzerinnen - in einem usbekischen Restaurant.
Einfach mal gelungenes Ambiente (okay, die Bauchtaenzerinnen, die alle 30 Minuten kamen, waren irgendwie komisch...)
Und wieder nahm ich im Schlafwagen Platz...

PS: Keine Bilder, die extra ausgeliehene ZENIT-Kamera arbeitete nicht... auch nicht nach Anwendung einer russischen Reparatur :(
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