Der Zirkus ist do...

Trip Start Apr 19, 2011
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Trip End Jun 28, 2011


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Flag of Brazil  , Mato Grosso do Sul,
Friday, May 6, 2011

Manchmal frage ich mich ob meine Feldforschungsphasen sich eigendlich sehr von denen anderer Tropenökologen unterscheiden. Ich sitze in keinem Zelt im regenumtosten Wald, ich mache mir auf keinem Bunsenbrenner Dosen warm, halte keine verbäulte Blechtasse mit lauwarmem, klumpigen Kaffee in den klammen, zitternden Händen mit denen ich ebenfalls verzweifelt versuche eine feuchte Zigarette zu entzünden. Gut ich rauche nicht aber es rundet das Bild so schön ab.
Nein. Ich wohne hier im schönen Forscherhaus, bekomme leckerstes Essen gekocht. Statt irgendwelchen Indianern im Lendenschurz zuzusehen wie sie aus Flaschenkürbissen im Boden vergorenes Bier trinken, schaue ich des abends herzige Zirkusvorführungen in Schwizerdütsch an.

Ja, der Zirkus war da. Lele und Emilia, die beiden Mädels von Lucas und Marina haben schon vor Tagen selbstgemalte Einladungen verteilt: "Der Zirkus Beija Flor kommt! (Zirkus Beija-Flor heißt Kolibrizirkus) Wo? Unser Haus. Wann? 18 Uhr. Einladung für: Pesquisa (also das Forscherhaus. Das sind wir)."

Wir sind an dem Nachmittag zunächst noch ins Feld gefahren mit Lucas Cousin aus der Schweiz nebst Familie, der gerade zu Besuch ist. Carol der Ameisenbär hampelt oben auf der Ebene rum. Die kenn ich noch vom letzten Jahr, jetzt (noch) ohne Baby.
Dann kurz vor 18 Uhr ab nachhause- bloß nicht zu spät kommen. Also im Affenzahn im Dunkeln Richtung Fazenda. Ich versuche irgendwie hektisch im vorbeidüsen mit dem Suchscheinwerfer noch irgendwelche Tiere zu spotten. Wir rasen an Pablão der Vogelspinne vorbei die aufgescheucht Richtung Loch stürzt. „Lucas da ist die Spinne!" „Keine Zeit! Wir verpassen den Zirkus!“ Ich lache noch wie ungünstig es wäre wenn wir mit einem Puma am Kühlerrost klebend nach Hause kommen, oder Ameisenbär, da fängt mein Scheinwerfer einen Meter neben der Straße einen Großen Ameisenbär ein. Bevor ich reagieren kann oder der Ameisenbär sind wir schon vorbeigerast. Der Ameisenbär steht unbewegt und vollkommen verdattert neben der Straße, das Fell flattert im Fahrtwind um ihn rum. Wie eine Kuh wenns donnert schaut er hinter uns her und versucht zu verstehen was das jetzt wieder war und ob man mal besser schnell rennen sollte. Das Ergebnis dieses langwierigen Entscheidungsprozesses erfahren wir nie, da ist der Bär schon lange ins Dunkel entschwunden und wir bei Lucas Haus angekommen.

18 Uhr war Gott sei Dank die brasilianische Zeitangabe, wir kommen um 18:15 Uhr an und es bleibt noch für alle Zeit zu Duschen bevor es losgeht. Auf der „Bühne“ im Wohnzimmer ist ein elektrisches Klavier aufgebaut. Das Publikum besteht aus Marina, Lucas, dem Cousin mit seiner Frau und drei Kindern, Marinas Vater, dem Jaguarjägerteam inklusive der Tierärztin und Gabriela, Ricarda und mir.

Die beiden Mädels und Ivana, ihre Lehrerin, haben Glitzer-Pailletten-Kostüme an und legen gleich mit einem selbstgemachten Lied los, Lele am Klavier: „Der Zirkus, der Zirkus der Zirkus Beija-Flor, der Zirkus, der Zirkus der Zirkus der ist do“ (ist ja Schwizerdeutsch). Nönö, sitzt man ja im Brasilianischen Busch mit einem Team von Jaguarjägern und schaut sich einen Schweizer Kinderzirkus an. Unglaublich herzig, wie der Schweizer jetzt  sagen würde. Es folgen Artistiknummern, Zauberkunststücke und eine Clownnummer die fast abgebrochen werden muss weil sich Emilia vor der Pointe schon so derartig totlacht, dass sie vorübergehend aus der Rolle fällt. Neben mir kichert Lucas und ist ganz verzaubert von seinen Mädels. Dann eine Pause in der selbstgemachtes Popcorn in selbstgebastelten, bunten Tütchen verteilt wird, die sich nachfolgend vorzüglich als Partyhüte umfunktionieren lassen. Dann liest jedes der Mädchen noch eine selbstgeschriebene Geschichte vor, die die jeweils andere pantomimisch darstellt. Emilia ist wohlgemerkt 7 und hat eine komplette Geschichte über einen Elefanten geschrieben und trägt diese nun vor 15 Leuten selbstbewusst vor. Lele macht also den Elefanten. Als ein zweiter Elefant in der Geschichte vorkommt muss die Tierärztin der Jaguarjäger herhalten und krabbelt jetzt dann auch mit einem Arm als Rüssel ausgestreckt auf der Bühne herum. Am Ende noch ein Mittanzlied, jetzt tanzen also Jaguarjäger, Verwandtschaft und Ameisenbärenforscher in einem abgelegenen Haus im Pantanal zu einem schweizer Lied über irgendeine Katze. Verrückte Welt. Als wir später vor dem großen gemauerten Grill im Garten zusammenstehen, auf dem dicke Picanhaspieße neben Bratwürsten liegen, fragt Lucas Lele: „Lele, weißt du schon was stolz sein bedeutet?“ „Ja.“ „Ich bin sehr stolz auf dich.“. Marina wundert sich: Eigentlich weiß sie immer was auf der Farm los ist, geplant ist und passiert, von diesem Zirkus hat sie aber wirklich nicht gewusst. Herzig, herzig, herzig alles.

Ansonsten ist gerade Eintagsfliegenhochzeit. Abend für Abend schwärmen unzählige, abertausende Eintagsfliegen unter den Lampen, liegen dann tot zwischen gelbem Staub, möglicherweise den Eiern auf dem Boden. Ich zähle mal alle auf einer Kachel auf Lucas Terrasse und multipliziere diesen Wert mit der Anzahl von Kacheln, macht, nur auf dieser Terrasse, 22400 tote Eintagsfliegen. Schön. Riesige, dicke Käfer und eine Tarantel laufen dazwischen rum und fressen sich satt. Die haben das Festmahl ihres Lebens. Wir auch, aber anders: Picanha- bestes Rindfleisch- frisch vom Grill, hmmmmmm!



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