Das Herz Kambodschas

Trip Start Jul 13, 2010
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Trip End Sep 28, 2010


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Where I stayed
Chhaya Hotel

Flag of Cambodia  ,
Thursday, August 19, 2010

Im Bus nach Battambang sind wir die einzigen Touristen, und so hilft es wenig, sich über die musikalische Untermalung der Reise zu beschweren, sind doch alle Kambodschaner offensichtlich begeistert von den Karaoke-Liedern die es in Disco Lautstärke spielt. Sie klingen zwar alle gleich und auch die Videos, die der Fernseher über dem Fahrersitz erklärend abspielt, zeigen die immer gleiche Herzschmerzgeschichte, aber man ist trotzdem begeistert.

Das sind wir vor allem, sobald wir unser Ziel erreichen und eine Horde (eine sehr sehr große Horde) von Tuktuk und Moto Fahrern den Bus schon auf beim Einfahren in die Station belagern und umrunden während sie mit folierten Schildern wild fuchtelnd unveständliche Dinge rufen, die eine äußerst interessante Geräuschkulisse ergeben - ungefähr so wie neben einem hohen Wasserfall zu stehen. In dem Meer an Schildern, entdecke ich eines mit dem Namen "Royal Hotel", unser angesteuerter Schalfplatz, also nicke und lächle ich dem Fuchtler desselben zu, der zurück gestikuliert als hätte ich ihm soeben einen Millionen-Dollar Lottogewinn mitgeteilt, den er noch nicht glauben kann. Nachdem er sich mehrmals versichert, ob ich wirklich ihn gemeint habe drängt er sich mit Triumphgeheul durch die Mengen und schreit durch die Fahrertüre nach uns.

Also fahren wir per Tuktuk die Hotels ab, bis wir mit dem 4. endlich zufrieden sind. Schnell die Rucksäcke abgelegt, sich vom Tuktuk-Fahrer überreden lassen, kein Moped zu mieten, sondern mit ihm die umliegenden Dörfer zu erkunden (die beste Entscheidung unserer Reise wie sich noch herrausstellen sollte) und anschließend Battambang per pedes erkundet. Weit kommen wir aber nicht, denn nach einem kleinen Imbiss am Markt hält ein Moped neben uns, dessen Fahrer sich zu unserer Verblüffung nicht vom provisorischen "No Taxi, thank you!" abwimmeln lässt. Verdächtigerweise lobt er unsere Aussprache, bis er erklärt: Er führt eine kleine private Schule, in denen er Kindern, deren Familie teilweise von HIV betroffen sind, kostenlosen Englisch-Unterricht bietet. Er würde sich sehr freuen, wenn wir für eine Stunde als Lehrer mitkommen würden.

Also fahren wir zu dritt auf seinem Moped zu einem kleinen Dorf, wo er uns zuerst nach Hause einlädt, um die Geschichte seiner Familie zu erzählen und uns anschließend zum Schulgebäude führt. Dort plaudern wir mit den sehr jungen Kindern von zwei Klassen und sind begeistert von deren Englischkenntnissen, der Motivation für den Unterricht und ihrem Interesse an uns. Viel zu schnell ist die Zeit um und wir werden wieder nach Battambang gebracht.

Eine schöne Stadt ist es wirklich nicht, aber wie auch bisher machen die liebenswerten Menschen unseren Aufenthalt zu einer tollen Erfahrung.

Wie toll erfahren wir aber erst am nächsten Tag. Unser Tuktuk Fahrer holt uns wie versprochen vom Hotel ab, strahlt wie am Vortag und kennt sogar noch unsere Namen. Er hat sich eine Route durch die umliegenden Dörfer und Reisfelder überlegt, die alle unsere Erwartungen so weit in den Schatten stellt, dass man sie nicht einmal mit Taschenlampe wiederfinden würde.

Es beginnt mit einer nervenaufreibenden Fahrt auf dem "Bamboo Train". Die Bezeichnung Zug hat sich das Brett auf zwei Achsen, das mit einem Außenbord-Motor angebtrieben wird jedoch wirklich nicht verdient. Wir rasen(!) die Schienen entlang, zwischen denen zum Teil mehrere Centimeter lange Löcher klaffen, ebenso hohe Höhenunterschiede herrschen und auch der Abstand zwischen den Schienen ändert sich laufend. Zum Glück lässt sich das nicht so genau erkennen, wurde doch ein guter Teil der Gleise bereits von der Vegetation verschluckt. Falls ein zweiter Bamboo Train aus der entgegengesetzten Richtung kommt, wird der eine blitzschnell auseinander genommen und die Einzelteile auf der Seite gestapelt, sodass der andere vorbeifahren kann. Gut durchgeschüttelt und unsere Liebe zum Leben wieder frisch im Bewusstsein kommen wir zurück und fahren per Tuktuk weiter, das uns plötzlich unheimlich sicher und komfortabel erscheint.

Unser Fahrer, Kim Vichet (alias Mr. Co Co), hat ein Wissen über die Umgebung, die Bewohner und ihre Aktivitäten angesammelt, das jeden professionellen Guide blass werden ließe. Er erklärt jedes Detail behutsam genau und kennt die Antwort auf jede absurde Frage, die uns einfällt.

Wir sehen die riesige Maschine, die den Reis von der Pflanze trennt, ich darf mich, zur Belustigung aller Zuschauer, an der Herstellung von Reispapier versuchen (das für Frühlingsrollen verwendet wird), wir wohnen der Entstehung von Reisnudeln bei und essen die gerade frisch entstandenen zu Mittag - das vielleicht beste Mittagessen unserer Reise. Wir kosten Reisschnaps am Entstehungsort, verputzen zu dritt eine gebratene Schlange (sehr interessante Mahlzeit), erfahren alles über den Anbau von Reis und beginnen zu verstehen wie wichtig diese Pflanze für die arme Bevölkerung ist. Nichts, nicht einmal der Staub, der beim Mahlen der Körner entsteht wird weggeworfen. Sogar das Abfallprodukt eines Abfallprodukts von Reis findet ihren Nutzen. Dem steht allerdings auch der erstaunlich mühsame Anbau gegenüber. Der Reis wird gesäht, geerntet, wieder eingesetzt und erneut geerntet, bis die nicht minder anstrengende Verarbeitung beginnen kann.

Es ist der schönste Tag unserer bisherigen Reise und wir genießen jeden Moment. Unser Fahrer lässt uns Bekanntschaften mit Einheimischen schließen, die kein Wort Englisch sprechen und führt uns zu Orten, die wir niemals gefunden hätten. Wir treffen kein einziges mal auf andere Traveller und spüren zum ersten Mal, wirklich bis zum Herz dieses Landes vorgestoßen zu sein.

Der Abend stellt den gebührenden Abschluss dar - wir wohnen einer Vorstellung des Phare Ponleu Selpak Circus bei, Teil einer Organisation zur Unterstützung von benachteiligten Kindern.
Es ist weniger ein Zirkus nach unserer Definition, sondern vielmehr eine wunderschöne Mischung aus Ausdruckstanz, Spielen mit Schatten, Geschichte und toller Akrobatik. Wir kommen eine Stunde lang nicht aus dem Staunen heraus und sind völlig verzaubert von diesem fantastischen Fest der Sinne.

Noch am nächsten Morgen sind wir überwältigt von all den Eindrücken und Endorphinen, doch es werden nicht weniger. Wir brechen wieder mit unserem Fahrer, inzwischen Freund, Kim, auf, bekommen Flughunde zu sehen, kambodschanischen Wein zu kosten (unser Reiseführer beschreibt ihn treffend mit "Let's just say that it has it has a bouquet unlike anything you've ever encountered in a bottle with the word 'wine' on the label, and a taste as surprising as the aftertaste.") und einen Berg mit altehrwürdigem Tempel zu erklimmen.
Die Zeit vergeht wie im Flug und bald schon ist es Zeit Abschied zu nehmen von diesem Juwel, das landschaftlich wie menschlich besonders hell leuchtet und trotzdem weitestgehend unentdeckt geblieben ist.
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Comments

Mam&Dad on

Ein recht rares, aber umso beeindruckenderes und vergnüglicheres Vergnügen (ein klassicher aber unvermeidlicher Pleonasmus) diese Erlebnisse nachzulesen !
Man lebt auf Grund der brllianten Berichterstattung formlich mit ( so das zentraleuropäische "Alltagsgefangene & Langzeitfernreisende" überhaupt können .... ) !
Schön, dass Ihr uns an Euren Erlebnissen so unmittelbar teilhaben lasst ..
Große (!) selbstgefangene (!! ;-) Bachforelle aus der Enns mit Butter und Kräuter im Rohr samt Bio-Potatoes von GrandPa's Scholle mit Wachauer Riesling waren auch nicht schlecht, aber gebratene Schlange und Reisschnaps ist vermutlich doch anders .....
Sind schon sehr gespannt von wo es die nächsten Abenteuerberichte gibt.
Missing you ;-( & dicke kisses

Mam & Dad on

... natürlich hätte das " NICHT-Langzeit-Fernreisende" heißen sollen ....

Michael on

faszinierende Schilderung. Da fühlt man direkt, wie toll euch die "andere Welt" begeistert. Das macht Lust auf mehr!!

gawe-ella
gawe-ella on

Da seid ihr ja wirklich ziemlich aus der gewohnten Zivilisation rausgefallen. Schön, wirklich sehr besonders, was ihr erlebt habt, das hätt mir auch gut gefallen.
Ich bin nur etwas verwirrt: Angkor Wat war doch davor ... oder kommt eure Schilderung davon erst?

lisalaurin
lisalaurin on

Wir haben Telefonnummer und Name von unserem Tuktuk Fahrer notiert,
falls es also irgendwen nach Battambang verschlägt...
Jaaaa, da hast du aber sehr genau aufgepasst. Lisa entschied in
Battambang allerdings, dass sie jetzt ohne Lonely Planet reisen möchte und
ließ ihn kruzerhand liegen. Ohne Reiseführer war es dann etwas schwer, die
ganzen Namen der Tempel zu rekonstruieren. Haben jetzt einen neuen und
der Eintrag kommt auch bald.

gawe-ella
gawe-ella on

nettes Profilfoto, das ihr nun habt. Prima, dass ihr schon ans Adressen-sammeln gedacht habt, das wollte ich euch heute nämlich schreiben. Bitte vor allem so Leute wie den Lehrer, das fänd ich wunderbar, zumal man bei dem ja nicht zahlen muss, wenn man das erleben möchte. Ja stimmt, es gibt zurzeit attraktive Flug-Angebote nach BKK, aber ich werde erst im Winter fliegen, wenn es hier grau und kalt ist. Eigentlich hatte ich ja eher Mittel- bis Südamerika auf dem Plan, aber eure Schilderungen machen große Lust auf wieder-Asien ... und zudem ist es einfach preiswerter :-)

lisalaurin
lisalaurin on

Von der Schule haben wir sogar eine Webadresse - offensichtlich hat ein
Traveller für die mal eine Website eingerichtet. Der freut sich riesig über
jeden der ihm hilft. Außerdem markieren wir jetzt auch im Lonely Planet wo
wir waren und ob es uns gefallen hat oder nicht.

Mit der Reisezeit sind wir sehr glücklich - vielleicht haben wir auch großes
Glück mit dem Wetter, aber regnen tut es nur selten und kurz (bis auf
vorgestern, als die Stadt unter Wasser stand - dazu bald mehr!) und es sind
wirklich nicht viele Touristen. Einige Guesthouses haben jetzt zudem Low
Season" Preise - außerdem ist Kambodscha zum Übernachten generell
VIEL günstiger als Thailand.

Aber wenn man dem Winter entfliehen möchte bringt das natürlich nichts.
Also wenn du wieder nach BKK fliegst, unbedingt nach Kambodscha
kommen - mein neues Lieblingsland :-)

gawe-ella
gawe-ella on

ja, Kambodscha liegt nun doch auch auf meiner "to visit"-Liste. Angkor Wat war es ja schon lange. Bin gespannt, wie ihr Laos erleben werdet (so ihr da überhaupt noch hinkommt)

quirin clooney on

Wie schmeckt der schokokuchen in Thailand bzw Kambodscha?
Meine schuhbänder haben knoten und mein Fuß rückt vllt habt ihr nen tipp..?

Naja ich wünsch euch eben gute schokokuchen ;)

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