Rajgir, eine Mela im aermsten Bundesstaat Indiens

Trip Start Jan 13, 2010
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Trip End Ongoing


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Flag of India  , Bihar,
Monday, May 10, 2010

10.05 – 12.05              Rajgir, Bihar, Indien

Rajgir, und eine Mela im aermsten Bundesstaat Indiens

Rajgir war wohl bisher fuer mich die Stadt, die mich am meisten Kraft und Ueberwindung gekostet hat. Die nahe liegende Nalanda Universitaet und eine riesige Stupa(Buddistisches Kuppelgebaeude) liessen mich dieses kleine 30.000Einwohner Oertchen ansteuern. Keine dieser beiden Sehenwuerdigkeiten war jedoch beeindruckend oder besonders schoen anzuschauen, sodass ich nicht weiter drauf eingehen werde. Gluecklichweise oder leider, dass weiss ich jetzt 10 Tage spaeter immer noch nicht, fand zur Zeit als ich in Rajgir war, eine Mela statt.

Eine Mela ist ein indisches Fest(natuerlich mit religioesem Hintergrund), was einem Jahrmarkt sehr aehnelt. Es wurde Zuckerwatte verkauft, billiger Plastikplunder wird an den Mann gebracht, es gab eine Geisterbahn, einen Zirkus, verschiedene Schaustellerbuden und eine Motorradshow.

Da dies natuerlich eine grosse Attraktion in der sonst so kargen und aermlichen Umgebung war, stroemten Horden von Menschen aus den umliegenden Bezirken in diesen Ort und liessen die eh schon mangelhafte Infrastruktur zusammenbrechen. Rajgir versank, so versicherte mir einer der VIER Englisch sprechenden Inder, die ich dort in 3 Tagen traf, im Chaos. Der Muell wurde nicht mehr wie ueblich einfach Abends am Strassenrand verbrannt, es roch nach Urin und Kot und die Inder fuehlten sich dennoch Pudelwohl. Als ich Rajgir verliess, ueberlegte ich, was ich euch ueber die Stadt wohl mitteilen koenne. Ich stellte ernuechternt fest, dass ich in den letzten 3 Tagen nichts erwaehnenswertes gesehen hatte. Es war erst in einem Gespraech in Varanasi mit einem Amerikaner, der gerade erst nach Indien gekommen war, dass ich bemerkte, wie  besonders Rajgir eigentlich in einer Hinsicht war. Alles was ich bisher an unglaublichen Sachen in Indien (Ueberfuellung, Dreck und Armut) gesehen hatte, fand hier sein Superlativ. Auch wenn die folgende Beschreibungen unglaublich fuer euch erscheinen moegen, so stellen sie die ungeschoente Realitaet dar:

Ein kleiner Einblick in die Verkehrsmittel Indiens:

Rickshaw:

Eine Riskshaw, sollte sie auf deutschen Strassen fahren, wuerde Platz fuer 6 Personen bieten. Hier in Indien sind es normalerweise 10. In Rajgir habe ich 20 gezaehlt!

Kutsche:

Bei dem Wort Kutsche, denken wir doch alle an eine romantische Fahrt zu zweit in einem huebschen Wagen, gezogen von zwei grossen Pferden. Bei einer indischen Kutschfahrt sitzten bis zu 15 Personen in einem klapprigen zwei raedrigen Wagen. Unromantisch fuer die Passagiere, eine Qual jedoch fuer das kleine keuchende Pferd, welches die ganze Last in der Hitze alleine ziehen muss.

Gelaendewagen:

In einem deutschen Gelaendewagen finden wenn es hoch kommt bis zu 10 Leute Platz. Ich habe mir sagen lassen, da das zaehlen der Passagiere im Wagen unmoeglich war, dass bis zu 50! Personen mit so einem Vehikel transportiert werden koennen. 20 Leute muessen jedoch auf dem Dach und der Motorhaube Platz neben. Der Fahrer haengt dann teilweise halb aus dem Wagen, sodass er wenigstens die Strasse sehen kann. Von der normalen Sitzposition wuerde er nur Beine und Ruecken sehen.

Ich habe es mir nicht nehmen lassen selbst einmal auf dem Dach mitzufahren. Wenn man erwartet, dass die Geschwindigkeit und das Fahrverhalten der „zerbrechlichen" Fracht auf dem Dach angepasst wird, taeuscht man sich gewaltig. Mit ca. 60km/h ueber Indiens Strassen zu pesen waehrend man auf dem Dach macht zwar unheimlich viel Spass, doch

ein Unfall waere wohl definitiv fatal.

Motorrad:

85% der indischen Motorraeder wuerden in Deutschland unter die Fuehrerscheinklasse A1(weniger als 150cc) fallen und sind dementsprechend klein. Zwei Personen sind das rechtliche maximum und erscheinen dem deutschen Urteilsvermoegen auch sonst als Limit. Normal in Indien ist es zu dritt auf so einem Bike zu fahren. Der inoffizielle Rekord, mal wieder aus Rajgir, liegt wohl bei 4 ausgewachsenen Maennern und zwei circa 10 Jahre alten Kindern!!! 6 Personen!!

Wie ihr seht waren nicht nur die Pferde am keuchen, sondern das ganze Transportsystem aechste unter der Last der tausenden Menschen. Verstaendlicherweise waren in Rajgir auch nicht genuegend Betten und viele der Besucher haetten sich auch sonst kein Zimmer fuer 200RS leisten koennen, sodass oeffentliche Plaetze zu Schlafwiesen erklaert wurden. Der Bahnhof war einer dieser Plaetze. Hier wurden Verpackungsplanen(„Schinkenspieker“ war in deutscher Sprache erhaeltlichJ), wohl aus Ueberproduktion stammend, als Liegeunterlagen fuer wenige Rupees verkauft. Folglich war der Bahnhofsboden mit schlafenden Menschen zu jeder Tageszeit uebersaeht. Es war schwerr einen Fuss vor den anderen zu setzen. Mitten in diesem Chaos standen dann nackte kleine Kinder und urinierten wenige centimeter neben die Koepfe Schlafender und keiner schien sich dran zu stoeren. Ein kurzer Blick in die Toilette offenbarte dann das ganze Ausmass des Siffs. Der Boden in den Waschbecken war schwarz und nur beim genaueren Hinsehen liess sich zwischen abertausenden Fliegen und menschlichen Kot unterscheiden. . . Raus hier.

Zurueck zur Mela. Die letzten 200m bevor die Amuesiermeile begann, konnte einem jede Ausgelassenheit blitzartig rauben. Hier lebten in Behausungen („Zelte“ waere eine masslose Uebertreibung!) auf 200x4m wahrscheinlich auf jeder Strassenseite 200 Menschen jeden Alters. Alle 10 Meter sass am Strassenrand jemand ein verkrueppeltes Bein, ein vergammelter Arm oder sonstige bedauernswerte Krankheiten zur Schau stellend und um Geld bettelnd. Dennoch war es nicht dieser schreckliche Anblick, sondern die „normalen“ Menschen aus diesem Streifen, die mich erschaudern liessen.

Sozialstrukturen, so konnte man innerhalb weniger Sekunden erkennen, waren entweder nicht vorhanden oder vollkommen pervers und einige wenige hatten jegliche menschliche Verhaltens- und Gesichtszuege gaenzlich verloren. 

Es dauerte einige Zeit, bis ich den Anblick dieser Lebensverhaeltnise verdaut hatte und mich von anderen, viel amuesanteren Wahnsinnigkeiten ablenken lassen wollte. Unter der Beobachtung hunderter Augen schlenderte ich also als einztiger Weisser weit und breit umher.

Schliesslich konnte ich nicht widerstehen und entschied mich einem der vielen Werbeschreien nachzugeben und mir die „Schlangenfrau“, wie die Plakate unschwerr erkennen liessen, anzusehen. Als ich mir sicher war, dass die Show meiner Wahl nicht irgendwelche Verkrueppelungen zur Schau stellte(bei anderen Shows war ich mir nicht sicher!), hiess es nach dem Ticketkauf(10RS) ersteinmal eine halbe Stunde in der Mittagshitze in einem stickigen Zelt warten.

In dieser Zeit standen drei Frauen auf der Buehen, sichtlich ohne jede Freude bei der Arbeit und tanzten lieblos zu schlechter Musik.

Und dann ging es los. Die Dinge nahmen langsam ihren Lauf. Die Frauen verschwanden hinter der Buehne. Der Vorhang oeffnete sich. Eine Frau sass hinter einem gut durchsichtigen Schleier. Die Musik begann. Die Frau bewegte sich leicht. Es schien so als wurde die Frau zu einer Schlange. Keine normale Schlage. Eine grosse Holzschlange, wie man an den Gliedern unschwerr erkennen konnte. Die Schlange bewegte sich leicht. Die Schlange wurde zur Frau. Begeisterung. Eine andere Frau verwandelte sich in ein Blumenstrauss. Und wieder zurueck. Mehr Begeisterung. Die Schlangenfrau wieder. Unglaublich. Extase. Applaus. Freude pur. Ende. 2 ½ Minuten nach dem Beginn der Show. Danke. Danke, dass ich das erleben durfte. Wer ist Siegfried? Wer ist Roy? Wer ist Uri Geller? Es gibt nur eine (Holz-)Schlangenfrau !!! :-)


PS: Manche von euch fragen sich sicherlich zu Recht, warum ich manche der Abscheulichkeiten und Perversitaeten so genau im Detail darstelle. Zum einen ist es reiner Egoismus. Ich schreibe meine Berichte zur einen Haelfte fuer euch und zur anderen Haelfte fuer mich. Bei besonders schwierigen oder schockierenden Erlebnissen hilft es mir ungemein, das Erlebte niederzuschreiben und so zu verarbeiten. Zum anderen halte ich es fuer sehr wichtig, dass die Realitaet, wenn immer man sich anmasst von ihr zu berichten, auch als diese dargestellt wird. Ich bin es mir selbst schuldig, wenn ich euch von der Schoenheit Indiens vorschwaerme, die haessliche Seite nicht zu verschweigen und mit gleicher detailtreue wiederzugeben. Meine Gedanken im Moment des Erlebens fuer euch festzuhalten. Fuer mich festzuhalten. . . .
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