Der höchste See - oder doch nicht?

Trip Start Sep 16, 2010
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Trip End Ongoing


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Flag of China  , Tibet Autonomous Region,
Friday, July 29, 2011

Eigentlich hatte das Reiseprogramm eine langsame Anpassung an die Höhe und der damit verbundenen Schwierigkeiten vorgesehen. Zunächst wäre ein Ausflug westwärts geplant. Das Tal westlich liegt ein bisschen tiefer als Lhasa. Dann wäre es weiterer Richtung Süden und Osten, und zum Schluss ein Abenteuer Richtung nord geplant gewesen. Doch Plan heißt nicht gleich Umsetzung.

Aufgrund des kurzen Zeitfensters nach der Öffnung Tibets, hatte das lokale Reisebüro extreme Schwierigkeiten unsere Ausländer Extra Visas in Tibet rechtzeitig zu managen. Für fast alle Regionen außerhalb Lhasa sind nochmals spezielle regionale Genehmigungen für Ausländer notwendig, die ständig an den Ausfahrtsstraßen kontrolliert werden. Manche Regionen sind überhaupt für ausländische Gäste gesperrt und nicht zugänglich. Es ist nicht leicht zu vermitteln, dass eine solche Politik natürlich berechtigtes Misstrauen aufkommen lässt.

Im Laufe der Reise wird trotz bezahlten und bestehenden Vertrags, stundenlang mit dem Reisebüro über die organisatorischen Abläufe diskutiert. Die zu besuchenden Destinationen werden ständig verändert. Dies drückt die Stimmung in der Gruppe ziemlich. Manche sind sauer, auf die nicht eingehaltenen Versprechen der Reiseorganisatoren. Die Umstände erfordern jedoch ein flexibles Anpassen. In Wirklichkeit muss man zur Kenntnis nehmen, den Gegebenheiten ausgeliefert zu sein. Mir ist es fast egal, weil ich von der langen chinesischen Diskussion nichts verstehe. Ein Standardsatz hatte sich inzwischen eingeführt. „Wǒ bù zhīdào", was so viel heißt „Ich weiß es nicht" oder „Ich habe keine Ahnung“ wird zum Renner der Tage. Nichts zu wissen verlangt in einer ungewohnten Umgebung mehr Gelassenheit, deren aufzubringen ich zwar oft, aber nicht immer bereit bin.

Heute geht es unerwartet Richtung Norden, zu dem fast höchsten Ziel unserer Reise. Es ist die einzige Region, die wir ohne Extravisum an dem Tag bereisen dürfen. Wir durchfahren ein wunderschönes manchmal eng werdendes Tal, welches wir bei der Anreise nach Lhasa schon mit dem Zug befahren haben. Während wir die Bergstraße hinauf rasen, kommt uns seitlich im Tal ein reißender Bergfluss entgegen, welcher vermutlich für jede Raftingtour den sicheren Tod bedeuten würde. Es hat viel geregnet die letzten Tage. So verwandelt sich das Wasser für Schwimmsüchtige zu einer sicheren Todesfalle. ;)

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird klar, diese Reise ist nicht für Fotografen gemacht. Das Auto rumpelt an so vielen schönen Punkten unfotografiert vorbei, sodass viele fantastische Szenerien nur im Kopf verhaften bleiben. Doch das Ziel des Tages sollte uns für die vielen verpassten Fotochancen entschädigen. Der Namco See. Er wird bei der Zufahrt mit großen Werbetafeln als höchst gelegener See der Welt beschildert. Nachträgliche Recherchen im Internet ergeben, dass diese Aussage so nicht ganz der Wahrheit entspricht. Der Schönheit unseres Reiseziels tut dies keinen Abbruch, denn unabhängig davon bleibt die Lage auf 4.700 Meter und die Ausdehnung des Namco See eine einzigartige Erfahrung.

Namco gehört zu einer der drei heiligsten Seen des tibetischen Buddhismus und ist eine bedeutende Pilgerstätte. Aufgrund seiner abgelegenen Position im Hochgebirge ist er so gut wie gar nicht von Umweltverschmutzungen betroffen.

Doch bevor wir diesen erreichen, überqueren wir eine Passstraße auf 5.200 Meter Höhe von der wir erste Blicke  durch eine dicke graue Wolkendecke auf das Gewässer erhaschen können. Als wir oben zu einem Stopp anhalten, spüren wir erstmals die Auswirkungen der dünnen Luft. Schwindel und Taumel begleiten mich als ich den Ausblick runter für ein paar Fotos nutze. Große Höhenkrankheit oder Kopfweh bleibt aber vorerst bei mir aus. Nur eine Mitreisende in unserer Gruppe klagt an Kopfweh. Der Rest der Truppe übersteht unbeschadet die erste Höhenprüfung.  Runter auf 4.700 Meter ist es so weit. Wir erreichen den Namco See und uns eröffnet sich ein unglaubliches Fotoparadies.

Der Salzsee breitet sich vor uns aus.  Entfernt werden die Schneeberggipfel noch immer von grauen Regelwolken umhüllt. Der tiefblaue Himmel spiegelt sich im Wasser und Ruhe macht sich breit. Uns wird klar, wir haben einen ganz besonderen Ort erreicht. Wir werden von einer unglaublichen Stimmung eingefangen.

Nur drei von uns beschließen den kurzen aber aufgrund der Höhenluft beschwerlichen Weg auf den vielleicht zwei oder dreihundert Meter hohen Felshügel, welcher den See zu teilen scheint, zu besteigen. Ich lasse mir die Chance natürlich nicht entgehen und gehöre auch zu dieser Dreiergruppe. Nach nur ein paar Schritten gilt es Pause zu machen um wieder in normalen Atemrhythmus zu kommen. Hat man den Dreh und den Schrittrhythmus mal raus, geht es ganz gut. Selbst in so einer verlassenen Gegend kommen einem auf dem Weg auf das Plateau viel tibetanische Fahnen und auch ein kleiner Tempel entgegen. Inzwischen wissen wir der heiligen Bedeutung des Sees.

Oben kann man die Einsamkeit und die Größe der Szenerie kaum fassen. Vor einem breitet sich das Wasser in einer einzigartigen und unendlichen Weite aus. Alles ist ruhig. Die Zeit scheint still zu stehen. Leichter Wind umgibt uns. Die Farben wirken so intensive als seien sie nicht natürlichen Ursprungs. Das Auge erfasst jedes Detail selbst in die entfernt gelegenen Berge am Rande. Kein Flimmern trübt den Blick. Man kann die Einzigartigkeit der Situation kaum verarbeiten. In der Ferne zieht ein Unwetter über die Bergkanten, gepaart mit dem intensiven Wunsch es möge sich in die andere Himmelsrichtung verziehen.  

Obwohl wir hier länger verweilen wollen, auch das Mittagessen für diesen Ausblick auslassen, müssen wir nach einer Weile des Verharrens zurück. Beim „Abstieg“ die paar hundert Meter runter, überfallen mich plötzlich extreme Migräneanfälle. Meine Füße werden schwer als seien sie mit Extragewicht beladen. Ich fühle mich schwach und mein Kreislauf vertschüsst sich in untere Etagen. Ach so?! So müssen sich die ersten Schritte einer Höhenkrankheit anfühlen. Mit viel Mühe schleppe ich mich runter und erreiche den Parkplatz, wo es auch einige Essstellen gibt. Die anderen sehen mir meinen Zustand schon von Weiten an. Sie erkennen den schwachen Schritt und mein bleiches Gesicht. Ein Sitzplatz und ein kaltes Cola bringt frische Energie und Erholung. Genauso schnell wie der Zustand gekommen ist, verschwindet er auch wieder. Und das in nur ein paar Minuten. Ich wundere und freu mich über die schnelle Rehabilitation. Es soll glücklicherweise die einzige und letzte Bekanntschaft mit Symptomen einer Höhenkrankheit in Tibet für mich sein.

Der Weg zurück mit dem Auto nach Lhasa beschert uns noch einen überraschenden Stop an einer Thermalanlage. Die rauchende Schlote und Rohre erinnern eher an eine veraltete britische Industrieanlage, während die bizarre Umgebung so auch in Island zu finden wäre. Ein wunderschöner Tag geht mit einer rasanten Autofahrt in die Hauptstadt zu Ende.
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