Durch den Tierpark bis zum Zuckerhut

Trip Start Aug 15, 2012
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Trip End Ongoing


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, Rio de Janeiro,
Friday, August 9, 2013

Nach dem kurzen Abstecher in Bolivien, das wir fliegend und busfahrend hinter uns liessen, gelangten wir an die bolivianisch-brasilianische Grenze. Nach einem nahrhaften Frühstück (wir entschieden uns doch für den Hamburger anstelle des Kuhherzes, das noch im Angebot war) und einer dreistündigen Geduldsprobe erhielten wir die notwendigen Stempel und waren in Brasilien. Plötzlich waren die Strassen wieder geteert und wir verstanden rein gar nichts mehr. Während das Spanisch mittlerweile ganz flott über die Lippen kam, gab's anfänglich für unser Portugiesisch sicher keinen Schönheitspreis.

Aus der Grenzstadt Corumba brachen wir auf ins Pantanal, einem immensen Feuchtgebiet. Die Lebensdauer eines Mückensprays lag bei einem Tag und es kam uns so vor, als würden wir tagelang durch einen Tierpark radeln. Links und rechts neben der Strasse lag ein riesiges Sumpfgebiet und anstatt tote Hunde am Strassenrand lagen hier tote Krokodile. Das sorgte für internen Gesprächsstoff besonders bei der Auswahl unseres Zeltplatzes. Eines schönen Nachmittags huschte gar ein kleiner Jaguar vor unseren Rädern über die Strasse und liess unseren Puls ansteigen. Daneben gabs Kühe soweit das Auge reichte (abends vorzugsweise auf dem Teller), Vögel in allen erdenklichen Farben und Formen, skurille Nasenbären, brüllende Affen und auch ein seltener Tapir lag noch auf dem Tapet, nur leider hatte er das Zeitliche bereits gesegnet. Während auf unserer ganzen Veloreise doch immerhin so alle 100 Kilometer irgend eine Tankstelle
oder ein kleiner Laden auftauchte, gab es hier einfach Mal 200 Kilometer ausser Sumpf und Strasse rein nichts. Und ebenso mussten wir feststellen, dass nicht überall wo auf der Karte Dorf drauf steht, auch Dorf drin steckt. So bunkerten wir Wasser wie die Kamele. Auch die Maisfelder hatten ganz neue Dimensionen. Ein Feld, das wir passierten, war mehr als 35 Kilometer lang.

Mit einem Schlechtwetterprogramm im Anzug, einem schmerzenden Knie, schlechten Strassen und muito Gegenwind liessen wir den restlichen Bundesstaat Mato Grosso do Sur motorisert hinter uns zurück und schauten uns die grössten Wasserfälle der Welt an: Iguaçu. Es war sehr beeindruckend zu sehen, wie die unglaublichen Wassermassen in die Tiefe stürzten. Weiter gings mit Superlativen; dem Besuch von Itaipu, dem grössten Wasserkraftwerk der Welt. Das brasilianisch-paraguanische Kraftwerk produziert Strom
für ganz Paraguay und einen Teil von Brasilien. Chrigus Ingenieurherz klopfte in neue
Höhen.

Der Papst war auch noch in Brasilien zu Besuch, schien aber seine Beziehungen zu Petrus nicht spielen zu lassen. Sinntflutartige Regenfälle und winterliche 2 Grad animierten uns nicht wirklich zum Radfahren. Und Zeugen eines historischen Kälterekordes zu sein, war schliesslich nicht der Grund unseres Brasilienbesuches. In Curitiba schien es jedenfalls zum guten Ton zu gehören, selbst in netten Restaurants in Mütze und Handschuhen zu tafeln. Wir machten da wortlos mit.

Irgendwann wurde es dann auch wieder sonnig und wir radelten entlang der Costa Verde Rio de Janeiro entgegen. Die Küste machte ihrem Namen alle Ehre - es grünte überall und auch bei uns war alles im grünen Bereich. Das war Radfahren so wie wir es lieben: coupiertes, abwechslungsreiches Terrain, das Meer mit malerischen Buchten rechts und die Sonne vorn. Es rollte wie in unseren besten Tagen. An einem unserer letzten Velotage in Lateinamerika, wir kochten gerade am Strassenrand unsere Mittagssuppe, trafen wir Ruth und Will aus London, die ein paar Tage zuvor in Rio auf ihre 18-monatige Veloreise aufbrachen. Ihr nigelnagelneues Equipment erinnerte uns an unsere ersten Tage auf der Strasse vor einem knappen Jahr, als wir in Vancouver loszogen. Solche Begegnungen im Nirgendwo sind zwar jeweils kurz, aber ein echtes Highlight und geprägt durch eine Herzlichkeit, die jeweils noch lange anhält. Zum Abschied wünschten wir Ihnen die schönste Zeit ihres Lebens, so wie wir sie erleben durften.

Rio nahte mit jedem Kilometer. Die Frage "Wo übernachten wir?", die jeweils an Velotagen so gegen 15 Uhr auftaucht und gegen 17 Uhr kurz vor dem Eindunkeln akut wird, war an unserem vorletzten Velotag lange unbeantwortet. Schliesslich passierten wir eine Feuerwehrstation und dachten - warum nicht Mal hier? Wir wurden herzlich empfangen und boten den Jungs auf Pikett, die brennend an unserer Reise interessiert waren, am Abend eine kleine Fotoshow.

Wie im Bilderbuch waren die letzten 50 Kilometer vor der Metropole - schönster Radweg am Sandstrand. Durch den dichtesten Stadtverkehr mussten wir trotzdem noch und auch noch durch zwei Tunnels ohne Seitenstreifen warteten auf uns. Aus Rücksicht auf das Nervenkostüm unserer Mütter verzichten wir hier auf eine detaillierte Berichterstattung dieser nervenaufreibenden, düsteren Röhrenminuten. Es schien uns jedenfalls, dass jeder Busfahrer noch heute den Fahrkünsten von Ayrton Senna nacheifert. Von den Taxifahrern ganz zu schweigen.

Liebe auf den ersten Blick war's mit uns und Rio. Die Stadt ist einfach grossartig und birgt eine Lebensqualität die seinesgleichen sucht. Wir wanderten auf den Zuckerhut, bewunderten den Corcovado, umrundeten die riesige Lagune, spazierten in Ipanema und an der Copacabana. Auch das fussballerische Stadtderby im neuen Maracanã stand noch auf der Affiche. Das Stadion ist in der Tat absolut WM-Final tauglich.
Man soll ja bekanntlich gehen wenn's am Schönsten ist. Mit einer Prise Wehmut, aber überwiegender Vor-Europa-Freude brechen wir deshalb nach Lissabon auf. Und von dort suchen wir uns einen schönen Heimweg aus - einen über Umwegen.
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