Hoch hinaus in den Anden

Trip Start Aug 15, 2012
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Trip End Ongoing


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Flag of Peru  , Cusco,
Wednesday, July 3, 2013

Wir verbrachten schöne und kurzweilige Tage in Lima und besonders im Stadtteil Miraflores, der sehr westlich geprägt ist und auch zu Berlin oder Lissabon gehören könnte. Wir erkundeten die Stadt mit dem Velo und mit dem Taxi und besorgten noch die letzten Teile für unsere Velos. Dann ging's los: raus aus der Stadt, rein ins Abenteuer. Auf der legendären Panamericana rollten wir südwärts. Zugegebenermassen waren die ersten paar Hundert Kilometer - sagen wir mal - gewöhnungsbedürftig. Die Panamericana war stark befahren mit vielen LKW und zudem störten sich unsere karibischen Gemüter am Nebel, der besonders morgens in Nieselregen überging. Ebenfalls waren beim Allerwertesten und den Beinen ganz klare Nachwehen der viermonatigen Veloabstinenz zu spüren. Das manifestierte sich so, dass man auch beim Abendessen nicht schmerzfrei auf einem Stuhl sitzen konnte und die nächtliche Linksdrehung durch einen akuten Beinschmerz gekrönt wurde. Aber ja, wir waren ja zum Spass hier und nach 500 Kilometern kehrte auch die Zuversicht zurück, die alte mexikanische Topform in absehbarer Zeit doch noch wieder zu erlangen.

Peru ist riesig. Dreieinhalb Mal grösser als Deutschland ist das Land. Einwohner hat es aber nur 28 Millionen. Die Peruaner sind sehr gastfreundliche Leute. Beim Abendessen in Lima lernten wir Luis und Bibi kennen. Luis lud uns kurzerhand in sein Haus etwas südlich von Lima ein, wo wir dann nicht nur zu Abend assen, sondern auch gleich übernachteten. Weiter südlich in Cañete erkundeten wir uns bei der Polizei, wo wir denn campen können. Der Wachmann schaute uns verdutzt an. Campen? Hier? Er holte seinen Vorgesetzten, die Fragerunde wiederholte sich bis vier Männer und schliesslich Commandante Jorge vor uns standen. In Zivilkleidung zwar, aber die Waffe unter seinem Gilet liess keine Zweifel offen, dass Jorge hier der Boss auf dem Revier war. Unsere Pässe wollte er sehen, un momento por favor und dann bat er uns auf die Polizeiwache. Er öffnete ein Kämmerlein und meinte, dass wir hier schlafen können. Dann zeigte er uns die Duschen neben der Untersuchungshaft, liess den Boden unserer Kammer mit einem Stück altem Teppich feucht aufnehmen und fertig war unser Schlafgemach. Am nächsten Morgen lud er uns zudem zum Frühstück in die Polizeikantine ein. Wie überall in Lateinamerika wird auch in Peru inhaltsmässig nicht zwischen Frühstück, Mittagessen und Abendessen unterschieden. Es gab also frühmorgens frittierten Fisch, Kartoffeln und Zwiebeln - die perfekte Unterlage für einen neuen Velotag.

Wir kehrten der Küste den Rücken zu und schauten uns in Nasca von einem Aussichtsturm die berühmten Nasca-Linien an. Diese mysteriösen Linien sind eine Art Kornkreise in der Wüste und existieren seit Jahrhunderten. Bis heute konnte nicht nachgewiesen werden, wie sie entstanden. Auch hier hält Erich von Däniken übrigens hartnäckig an seiner UFO-Theorie fest. Die Atacama-Wüste um Nasca war zudem unser Ausgangspunkt in die Anden.

Auf 600 Metern über Meer starteten wir eines morgens um halb sieben unser Andenabenteuer. Ab diesem Morgen bekamen Berge für uns eine völlig neue Dimension. Zum Einstieg ging es zum ersten Andenpass auf 4200 Metern gleich satte 100 Kilometer den Berg hoch. Serpentinenmässig mit keinem einzigen Talfährtchen, wo es doch so bitter nötig war. Die Landschaft und die Höhenluft raubten uns den Atem. Es galt bis in die alte Inkametropole Cusco vier Pässe zwischen 3900 und 4600 Metern zu überwinden. Die Andenkette war unerbittlich und forderte uns alles ab. Es war zudem bitterkalt je höher wir aufstiegen und ein eisiger (Gegen-)Wind bellte uns ins Gesicht. Meteorologischer Tiefpunkt war zweifelsohne der Schneesturm, den wir beim Aufstieg nach Puquio erlebten. Nachdem wir uns am Tag zuvor im Internet und bei den Einheimischen nach dem Wetter erkundigten ("todo tranquillo" hiess es unisono) brachen wir bei Sonnenaufgang auf. Es war klirrend kalt, der Schweiss klebte wie eine Eisdecke an unseren Körpern und die Füsse fühlten sich schon nach zehn Velominuten an wie Eisklumpen. Wir kurbelten uns fast fünf Stunden den Berg hoch und es schien uns, dass die Ortschaft Puquio immer noch an unserem Hinterrad haftete und wir kaum vorwärts kamen. Irgendwann erreichten wir auf 4200 Metern ein kleines Restaurant, bestellten warmen Tee und kaum sassen wir auf dem verdreckten Lamafell setzte ein Schneesturm ein. Wie weiter? Hier bleiben und campieren war unmöglich. Weiterfahren war sehr riskant, da wir nicht wussten, wie sich das Wetter entwickeln würde und wir noch auf 4600 Meter hoch mussten. Das nächste Dorf lag zudem 50 Kilometer entfernt. Dann fuhr ein LKW Tross an, der zu einer Mine unterwegs war. Wir berieten uns, schoben unseren Radfahrerstolz beiseite, liessen die Vernunft walten und fuhren gute 100 Kilometer mit. Die Fahrt war sehr unterhaltsam und wir erfuhren Vieles über Land und Leute, über die Minen Perus, deren Abbau und die korrupten Machenschaften dahinter.

So erschwerlich wie die Aufstiege waren, so berauschend waren die Talfahrten. Manchmal rasselten wir drei Stunden in die Tiefe und durchquerten dabei alle Vegetationszonen. Während wir uns auf Passhöhe als Eskimos verkleideten, waren wir unten im Tal (das heisst hier auf 2000-2500 Metern) lockerflockig im T-Shirt und als Freiwild für die Mückenschwärme unterwegs. Und hoch über uns säumten 6000er Berge den Weg. Es war schlicht spektakulär.

Wir waren glücklich über die vielen herzlichen und interessanten Leute, denen wir bereits wieder begegnen durften. So kreuzten wir beispielsweise Kim, einen Südkoreaner, der mit seinen beiden 6-jährigen Zwillingsbuben seit drei Jahren auf Veloweltreise ist. Die Jungs sassen in einem käsiwagenähnlichem Gefährt, während Kim strampelte. Und da die Anden zu steil waren, mussten sie hält täglich 25 Kilometer laufen. Eine schier unglaubliche Geschichte. Elsbeth und Ruedi begegneten wir nur kurz nach dem ersten Andenpass, als plötzlich ein Aargauer Kennzeichen auf einem Camper vor uns auftauchte. Sie belohnten uns mit einer Tafel Schweizer Schoggi, welche unserem Heisshunger noch auf der Talfahrt zum Opfer fiel. Und schliesslich freuten wir uns über die Bekanntschaft mit Thomas, dem Zürcher mit dem Toyota Landcruiser, der uns vor Neid erblassen liess. (Ein Auto mit Heizung!) Seit fast drei Jahren ist Thomas unterwegs. Wir hatten einander viel zu erzählen und verbrachten tolle Abende in Cusco - schliesslich trinkt sich das beste peruanische Bier Cusqueño am Besten in Cusco.

In Cusco blieben wir ein paar Tage hängen und brauchten wohl sämtliche Warmwasserreserven auf, da wir das versäumte Heissduschen ausgiebig nachholten. Für Machu Picchu, eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Südamerikas, standen wir um 4 Uhr früh auf den Beinen. Wir waren natürlich nicht die Einzigen und dieser Massentourismus widerstrebte uns sehr. Aber dennoch lohnte es sich, die im 15. Jahrhundert erbaute Inkastadt anzusehen inmitten einer einzigartigen Bergkulisse. Cusco bot uns auch eine herrliche Altstadt und willkommene Abwechslung in unserem Speiseplan. Ausser Huhn, Reis und Kartoffeln gab das ländliche peruanische Menü nämlich nicht viel mehr her. Wir sollten wohl in naher Zukunft eine Patenschaft für 100 Hühner übernehmen, um unsere Bilanz etwas aufzupolieren. Und Alpacas machten sich nicht nur hoch oben in der Pampa beim Weiden gut, sondern auch auf dem Teller. Köstlich, die Viecher!

Unsere Reise geht weiter. Und bevor wir uns der Kälte wegen Woll-Unterhosen stricken lassen müssen, hüpfen wir fliegend ein bisschen schneller vorwärts. Next stop: Santa Cruz de la Sierra in Bolivien und von dort aus geht's nach Brasilien. Noch hurti schnell ein bisschen Portugiesisch lernen, aber wer braucht für so einen Portugiesisch-in-30-Tagen-Kurs schon 30 Tage?
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