Vom Pazifik zum Golf: mit Wind, Hunden und Polizei

Trip Start Aug 15, 2012
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Trip End Ongoing


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, Yucatán,
Monday, December 17, 2012

Unser Bewegungsradius war auch schon grösser als in den fünf velofreien Tagen im schönen Puerto Escondido: Hotelzimmer, Restaurant, Strand und wieder retour. Wir erlebten die unglaubliche Kraft der mächtigen Wellen, genossen das Dolce Farniente und stiessen mit dem einen oder anderen, schon fast unverschämt günstigen, Mojito (CHF 2.-) darauf an. Entsprechend hatten wir ein wenig Mühe uns nach dem zugegebenermassen nicht gerade sportlertauglichen Lebenswandel wieder auf die Sättel zu schwingen. Aber bereits nach einigen Kilometern wussten wir wieder, weshalb wir genau das Velofahren und die damit verbundene Freiheit so mögen und schätzen.

In Zipolite machten wir schon kurzum einen Zwischenhalt und sahen dem Hippiegeschehen zu. Wir waren in unseren Radlertenues ziemliche Exoten, denn in diesem Aussteigermekka läuft Mann und Frau vorzugsweise in teppichähnlichem Selbstgestrickten rum und es kümmert wenig, was der Morgen bringt. Nicht für uns: die Fahrt ging weiter der Pazifikküste entlang.

Nach Salina Cruz, einer geschäftigen Hafenstadt, verliessen wir den Pazifik und erreichten La Ventosa ("die Windige"), deren Name uns schon auf der Karte etwas stutzig machte. So verrieten uns dann die Einheimischen, dass dies der windigste Ort in ganz Mexico sei und dort die grösste Windanlage in ganz Lateinamerika stehe. Schön und gut fürs Velofahrerherz, wenn denn der Wind von hinten geblasen hätte... Wir kämpften stattdessen mit heftigem Gegen- und Seitenwind wortwörtlich drei Tage gegen Windmühlen, bis wir die Gegend passierten. Zwischenzeitlich hatten wir gar etwas Mühe, uns auf dem Velo zu halten. In La Ventosa war dann auch unsere Ära mit Harco zu Ende. Nach vielen unvergesslichen und lustigen Tagen in Mexico verabschiedeten wir uns doch ein wenig schweren Herzens. Er fuhr weiter nach Guatemala und wir verliessen die Pazifikküste in Richtung Golf von Mexiko.

Nach Unmengen Mücken und Bettflöhen mussten wir unterwegs, wie schon durch ganz Mexiko, einige Rencontres mit Vierbeinern bewältigen. Wer Söns ängstliche Abneigung kennt weiss, dass bei Hunden nur mässig Freude herrscht und der Puls subito in den roten Bereich schnellt. Keine so komfortable Situation, denn die Hundedichte in den mexikanischen Dörfern beträgt mindestens zwei Stück auf 20 Meter. Dabei gibt es natürlich viele Unterschiede: Ein Drittel davon interessiert sich nicht für Velofahrer, ein Drittel interessiert sich, bellt, bleibt aber stehen und der letzte Drittel interessiert sich, bellt und setzt zum Angriff an. Nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung" fanden wir das Patentrezept dagegen: Lautstark zurückbellen. Obwohl wir manchmal gar ein leichtes Kratzen im Hals verspürten, waren die Biester jeweils so irritiert darüber, dass sie kurz vor unseren Waden einen Rückzieher machten.

Wir legten ordentliche Distanzen zurück und liessen weitere Bundesstaaten hinter uns. Wir campierten in dieser Zeit fast ausschliesslich und gewannen so wiederum Einblick in das Leben der Einheimischen. Bei einem Abendessen in einem abgelegenen Fischerdorf erzählte uns eine Frau von ihrem Leben und ihrer Familie, so auch von ihrer Tochter, die seit neun Jahren in New York lebe. Da sie aber kein Geld hätten, sich gegenseitig zu besuchen, fahre sie jeden dritten Tag in die nächste 40 Kilometer entfernte Stadt, wo es eine Telefon- und Internetverbindung gebe und sie mit ihrer Tochter sprechen könne. Eine der vielen Gegebenheiten, die uns in der heutigen mobilen Zeit unglaublich scheinen, besonders mit den iPhones und dem iPad in unseren Taschen.

Wenn es keine Dörfer gab, suchten wir uns eine Tankstelle und campierten dort - neben dem Dieselzapfhahn hatte es immer irgendwo ein Stück rasenähnliche Fläche für uns. Tankstellen gibt es in Mexico ausschliesslich solche der Marke Pemex, und wir haben doch schon viele Bundesstaaten gesehen. Wie wir in Büchern nachlesen konnten (ja, wir fingen gar an, abends vor dem Dornröschenschlaf im Zelt noch in paar Seiten zu lesen....) gilt Pemex als die in viele krumme Geschäfte involvierte, korrupteste Firma schlechthin. Uns war's egal - wir nannten es allabendlich "Camping bei unseren korrupten Freunden", aber schliesslich verfügten alle Tankstellen über Duschen mit fliessendem Wasser. Diesem Luxus kann einfach keiner widerstehen!

Abends wird landauf und landab alles hinter Gitter, Schloss und Riegel gesperrt. Trotz der Tatsache, dass wir nur mit unserem Mückennetz auftrumpfen konnten, gab es nur sehr wenige Campingsituationen, die uns in eine leichte Unruhe brachten. Aber da wir abends sowieso oft hundemüde waren, wichen die Sorgen schnell und wir verfielen in einen so tiefen, guten Schlaf und wurden erst wieder von der Sonne geweckt. Nichtsdestotrotz: Die Polizei ist übrigens in Mexico omnipräsent, scheint aber machtlos gegenüber den immensen Drogenkartellen oder steckt gar selbst mittendrin. Vermeintliche Ordnungshüter gibt es verschiedene: die Hilfspolizisten, Gemeindepolizisten, Staatspolizisten, Bundespolizisten und dann noch die Armee - die Marinas, die im Kampfanzug und mit schwarzer Maske zum Rechten schauen. Allesamt tragen sie natürlich immer das Gewehr am Anschlag. Immer wieder passierten wir Kontrollen, aber die Männer in Uniform interessierten sich mehr für unsere Veloreise als für unser Gepäck und dessen Inhalt.

Am Golf von Mexico angekommen, veränderten sich die Städte - sie wurden sauberer, die Leute fuhren die besseren Autos und auch die Preise wurden etwas gesalzener. Wir erreichten Campeche, eine herrlich farbenfrohe Kolonialstadt mit Weltkulturerbe-Auszeichnung und verbrachten einen Ruhetag dort. Anschliessend wollten wir weiter ins 175 Kilometer entfernte Merida - vernünftig in zwei Tagen. So vertrödelten wir den Morgen mit noch etwas Liegenbleiben, Frühstücken und fuhren velomässig spät (10:30 Uhr) in Campeche los. Nach 40 Kilometer erblickten wir das Schild "Merida: 135 km". Warum eigentlich nicht heute, fragten wir uns. Ein Blick, ein Nicken und die Diskussion war hinfällig. So gelangten wir gleichentags um 19:30 Uhr nach Merida - mit Stirnlampe und Kohldampf.

Ein Katzensprung ist es nun noch bis zu unserem Etappenziel Playa del Carmen. Da die Welt am 21.12. doch nicht untergehen wird - alles Fehlinterpretationen der Nicht-Mayas, wie uns die Enheimischen aufklärten - freuen wir uns nach 8000 Kilometern auf Weihnachten am weissen Strand von Tulum.
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Comments

SPRBR on

Ich sag nur: incredible.

Feliz navidad in Tulum.
Liebe Gruess, Bruno

Marianne & Tobias on

Wow, da habt ihr ja mächtig Gas gegeben. Kann es sein, dass bei sovielen Kilometern im Sattel nicht nur die Räder "durchdrehen"?
Auf alle Fälle wünschen wir euch schöne Weihnachten. Bei uns in Cambodia möchte in der feuchten Hitze nicht wirklich Weihnachtsstimmung aufkommen...

Viel Spass weiterhin!
Marianne & Tobias

ENGAN on

Wunderschöne Bilder! Sieht leicht wärmer aus, als es noch im hohen Norden der Fall war ;-) Wünschen euch eine gemütliche Weihnachtszeit. Röschu & Andrea

David & Anja on

Wow, wir sind immer wieder von neuem beeindruckt von euren Erzählungen und Erlebnissen! Vor allem bei der Geschichte mit den Hunden und dem Gegenwind konnten wir richtig mitleiden... da machen wir lieber eine gemütliche Joggingrunde auf den Gurten :)
Wir wünschen euch einen wunderschönen Ausklang dieses spannenden Jahres! Wann gehts nun vom Velo aufs Schiff...?
Liebe Grüsse
Anja

Herr Pecovic on

Happy NEW YEAR!
bin weiterhin sehr beeindruckt und auch ziemlich neidisch auf Euch!
Weiterhin alles Gute!

Christian Maurer on

Liebe Sonja und Chrigu
Ihr seid ja mächtig fit! Vor allem beim Chrigu sehe ich kein Speckbäuchlein mehr... Wo ist den das geblieben? Finde ich super was Ihr macht! geniesst es! Bei uns ist Weihnachten/Neujahr vorbei und der Trot beginnt von neuem.... Aber dont! Das Segeln ist 2013 gebucht und Ihr habt ja noch die Karibik vor Euch. Viel Spass und liebe Grüsse! Christian

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