Fest im Sattel auf dem Festland

Trip Start Aug 15, 2012
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Trip End Ongoing


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Flag of Mexico  , Pacific Coast,
Tuesday, November 27, 2012

Nach 18 Stunden auf einer schon etwas in die Jahre gekommenen Fähre von La Paz liefen wir in Mazatlan auf dem mexikanischen Festland ein. Wieder zu zweit war unser Plan, 1800 Kilometer entlang der mexikanischen Pazifikküste bis Salina Cruz im Süden runterzufahren, nahe der guatemaltekischen Grenze. Wie sich schnell herausstellte, war das "Runterfahren" mehr ein Hinauffahren, das wir aber mit viel Schweiss und Humor bewältigten.

Kaum in Mazatlan angekommen unternahmen wir eine 25 Kilometer lange Stadtrundfahrt, in dem wir neue Bremsbeläge für Scheibenbremsen kaufen mussten. Wir wurden von Pontius zu Pilatus geschickt und wieder zurück. Schliesslich starteten wir aus dem geschäftigen Mazatlan in Richtung Süden und siehe da - nach der 0-Platten-Bilanz aus dem letzten Blogeintrag war der erste Nagel da und die Serie gebrochen.

Dass sich die Platten nicht kurz vor dem angedachten Zeltplatz ereignen, vorzugsweise im Schatten bei einem lauen Lüftchen mit einem kühlen Bier, mussten wir am Tag darauf feststellen. Auf ganze 6 platte Reifen brachten wir es in zwei Tagen. Aber Dr. Keller unternahm mehrfach erfolgreiche Operationen am offenen Veloschlauch, notabene bei brütenden 38 Grad Mittagshitze.

Nach ein paar wirklich sehr guten Mojitos im schönen Puerto Vallarta waren wir bereit für neue Taten. Eines haben wir gelernt in Sachen Kartenlesen: Viele enge Kurven in Küstennähe deuten in 99 Prozent der Fälle auf ziemlich herausforderndes Veloterrain hin. Und es kam in der Tat ziemlich knüppeldick: Während einer knappen Woche holten wir sämtliche Bergpreise und mühten uns viele steile Kilometer hinauf, kurz hinunter und wieder hinauf. Trotz der grossen Anstrengung und der noch grösseren Hitze war die üppige Natur - Palmen, Buschland und Pinienwälder - unvergleichlich und unvergesslich. So auch unser Wasserverbrauch, der bis 16 Liter pro Tag betrug. Im Zelt herrschten abends Bedingungen wie in der Sauna. Jede Bewegung wurde mit einem nächtlichen Schweissausbruch bestraft.

Aller Schönheiten zum Trotz gibt es zwei Dinge, die uns währernd diesen Tagen nicht gefielen: Verkehr und Abfall. Verkehrsmässig gab es Strassenabschnitte, die uns sehr forderten uns zu verbalen Übeltätern hinreissen liessen. Wir fragten uns, ob sich jeder Mexikaner beim Erlangen des Führerscheins verpflichten muss, wenn immer möglich von vierhinterster Stelle und vor einer Kurve zu überholen. Auch Buschauffeure wurden zu unseren neuen Feinden, denn sie kamen uns zeitweise so nahe, dass kein Blatt mehr zwischen Ellbogen und Bustüre passte. Mehrfach half uns nur noch die Flucht in den Strassengraben.

Von der Abfallfront gibt es nicht viel Erfreulicheres zu berichten. Abfallmässig wird hier gar nichts bis wenig getan, besonders abseits der Städte. Inmitten wunderbarer Palmen kann sich ein riesiger Abfallberg türmen und niemand kümmert sich darum. In den Dörfern hat jede Hütte gut sichtbar ihren persönlichen Kehrrichtberg postiert, der regelmässig abgefackelt wird. Als wir schliesslich nach einem bergigen Velotag in einem verlassenen Dorf eine Familie fragten, ob wir unser Zelt neben ihrem Haus aufschlagen könnten, zündeten sie kurzerhand später die ganzen Petflaschen des Vormonats neben unserem Prachtsbau an. Es war für sie dann auch ziemlich unverständlich, warum wir uns am beissenden Rauch der Plastikflaschen stören konnten.

Nun aber wieder zu den schönen Dingen. Ein schöner Effekt unserer Veloreise ist, dass wir nie wissen, wo unser Tagesziel ist und wo wir übernachten werden. Diese tägliche Planlosigkeit, die wir als absolutes Privileg empfinden, ist für viele Leute unverständlich, denen wir begegnen. Wir lassen uns von der Sonne leiten oder manchmal auch von Namen auf Strassenschildern. Playa Azul - der blaue Strand - war so ein Name, dem wir über 600 Kilometer hinterher fuhren. Nach einem Tag über 140 Kilometer und 1500 Höhenmeter freuten wir uns auf einen Tag Pause an diesem Traumstrand mit klangvollem Namen. Wir mussten laut loslachen, als wir in den Ort reinfuhren. Es war wie tiefstes Banlieu, einfach am Meer. So kippten wir die Pause und erreichten nur einen Tag später Zihuatanejo, einem luganoähnlichen Ort in einer herrlichen Bucht. Dort fuhren wir quasi zufällig in ein traumhaftes Hotel und quartierten uns gleich dort ein. Raul, der nette pickfeine Hotelbesitzer war so beeindruckt von unserer Reise, dass er unseren Kleidern gleich einen Gratis-Waschgang in seiner Hotelwaschmaschine offerierte. Nun - böse Zungen könnten auch behaupten, dass er unseren Veloschweiss aus seinen Tapeten evakuieren wollte. In solchen Momenten wie dort mit einem herrlichen Zimmer neben dem Swimmingpool fragten wir uns, wie wir je wieder campieren, am Boden kochen und essen sowie aus Kübeln duschen können.

Unterwegs trafen wir Ernest, einen Südafrikaner, der seit 2007 mit dem Velo unterwegs ist. Auf seiner Reise hat er Afrika, Asien, Australien und Südamerika durchquert und erzählte uns ein paar Episoden aus seiner unglaublichen Reise, in der er bereits über 100'000 Kilometer gestrampelt ist.

Acapulco erreichten wir 1400 Kilometer nachdem wir Mazatlan verliessen. Die Stadt ist zwar wunderschön gelegen, hat ihre besten Tage definitiv hinter sich und gleicht einem Moloch: Bausünden, die sich aneinander reihen sowie Autos, Camions und Autobusse wo man nur hinsah. Dazu Strassen, die eigentlich keine Strassen waren, sondern Schlaglöcher mit ein bisschen Strasse ringsum. Wir suchten denn auch vergeblich nach einem Velogeschäft und wurden aufgeklärt, dass niemand sich traut, in dieser Stadt Velo zu fahren. Nachdem wir den mutigen Klippenspringern applaudierten, die sich von 35 Meter in die schmale Meeresenge stürtzten, fanden wir tags darauf wieder den Weg aus der Stadt, der über einen kleinen 7-Kilometer-Berg aus der Stadt führte. Wir trafen in Acapulco Harco wieder, unseren "Lieblingsschweizer", und so rollte der Schweizerexpress in drei Tagen über Berg und Tal ins 400 Kilometer entfernte Puerto Escondido. Wir hatten sehr viel Spass zu Dritt.

Als Zwischenfazit für Mexiko können wir festhalten, dass wir uns variantenreich und sehr gut von den überaus hilfsbereiten und freundlichen Mexikanern verköstigen lassen. Von den verschiedenen Tacos, Quesadillas und Enchilladas wissen wir nun detailliert Bescheid. Und auch dass es zum Frühstück halt einfach Geschnetzeltes mit Tortillas gibt ist nichts mehr Neues. Nebst den Gourmetkünstler sind die Mexikaner auch gute Ratgeber, auch wenn meist die Distanz- und Zeitangaben frei erfunden sind und wir dann im nirgendwo landen und alles "casi plano" ist. Diese gut gemeinten Phantasieangaben kann man den Locals einfach nicht übel nehmen, zumal sie unglaublich freundlich und neugierig sind und auf der Strasse mitten im Niemandsland anhalten und uns verpflegen wollen, hupen, applaudieren und uns zujubeln als würden wir kurz vor dem olympischen Finish stehen. Kurz: es macht hier einfach megamässig Spass! Und Chrigu ist sehr stolz, dass Sön die vielen harten Kilometer zu den Bergen hoch und auch wieder runter im Männertempo von Harco und Chrigu mitgehalten hat. Die letzten 3'000 Kilometer waren wirklich nichts für Anfänger!

Im gemütlichen und malerischen Puerto Escondido geniessen wir nun nach 6300 Velokilometern ein paar Tage "Ferien" und freuen uns schon, danach weiter munter in die Pedale und neuen Geschichten entgegenzutreten.
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Comments

Denier Martin on

Sehr interessante Reiseberichte. Bei Euch sind es die Berge die anstrengend sind bei uns häuft sich die Arbeit zu Berge.Wünsche Euch weiterhin. Gute Reise und "besinnliche" Abvendszeit.Herzichst Tinu

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