Rassismus?!

Trip Start Oct 15, 2011
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Trip End Mar 29, 2012


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Flag of Senegal  ,
Thursday, December 15, 2011


15.12. 87L

Es ist drei Uhr morgens, ich liege im Bett aber kann nicht schlafen. Seit einigen Tagen bin ich ziemlich verärgert, oder ärgere mich immer wieder. Ich weiß nicht so genau worüber, oder über wen. Angefangen hat mein Ärger letztes Wochenende. Wir, Christa und ich waren in Toubab Dialaw, einem kleinen Ort ca 40 km südlich von Dakar, schwer erreichbar (von St. Louis nach Thies, nach Mbour, nach Saly, nach Diumundione oder so ähnlich und dann nach Toubab Dialaw) aber trotzdem total touristisch. Der Ort liegt an der Petit Cote, Senegals touristischem Zentrum. Der Grund für unseren Aufenthalt war aber nicht das schöne Meer – das eigentlich durchaus Grund genug sein könnte – sondern das vom Goethe Institut Dakar organisierte Festival Waykat yi (Die Sänger). Aber obwohl diese beiden äußeren Umstände – das schöne Meer und ein tolles Festival in großartigem Ambiente, einem Freilichttheater der Sonderklasse – eigentlich ein tolles Wochenende versprachen, hätten mich keine 10 Pferde eine weitere Nacht in diesem Ort bleiben lassen. Niemals zuvor war mir die senegalesische Art mit weißen Frauen umzugehen, dermaßen auf die Nerven gegangen, niemals zuvor war ich mir so sehr wie ein Stück Fleisch auf dem (Heirats-)markt vorgekommen und niemals zuvor habe ich Menschen so direkt und unfreundlich darauf hingewiesen, dass ich weder jetzt noch irgendwann sonst in meinem Leben mit ihnen reden will, nicht an ihrer Nummer interessiert bin, meine nicht hergebe und sie auch nicht wiedersehen will. Und niemals zuvor habe ich Menschen getroffen, die eine solche Aussage so unglaublich ignorieren können. Und kaum stand der eine Typ auf – aber nicht etwa, weil ich nicht mir ihm reden wollte, nein, er wollte nur kurz tanzen! –, war der nächste da, erklärte mir seine Liebe und wollte meine Nummer haben. Naja, und diese Entwicklungen geben mir irgendwie zu denken. Ich bin aber noch zu keinem Schluss gekommen.
Einerseits finde ich dieses Verhalten einfach unentschuldbar, nicht zu rechtfertigen, unmöglich. Ich fühle mich als Mensch auf Grund meines Geschlechtes nicht ernstgenommen – mit europäischen Männern gehen weder die senegalesischen Frauen noch die senegalesischen Männer so um. Dieser Abend war weitaus schlimmer als alle anderen Abende bis jetzt und wird der Erinnerung an den Senegal wohl immer einen bitteren Beigeschmack lassen – nicht wegen des Abends selbst, eher wegen der Ergebnisse meines Nachdenkens seitdem. Aber andererseits stelle ich mich zunehmend selbst in Frage. Inwieweit fehlt es meinerseits an Toleranz? Provoziere ich derartiges Verhalten vielleicht? Aber wodurch? Allein weil ich eine Frau bin? Eine weiße Frau? Ich trage stets lange Hosen und T-Shirts, genau wie die senegalesischen Mädels auch?! Mir scheint das Verhalten der hießigen Männer in diesem Punkt ein sehr rassistisches zu sein, aber bin ich da zu streng? Ist vielleicht alles nur Spaß? Aber worin genau besteht der Spaß an der Sache für mich? Es kann doch unmöglich sein, dass mich allein das Tragen eines Kopftuches schützen kann! Und soweit ich das bis jetzt gesehen habe, ist es auch keine Frage des Kopftuches – auch die senegalesischen Mädels ohne Kopftuch werden nicht so behandelt! Also doch wieder eine Frage der Hautfarbe...
Was mich aber besonders ärgert ist die Tatsache, dass ich schön langsam bemerke, inwieweit ich druch dieses Verhalten tatsächlich in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt werde, oder mich zunehmend einschränken lasse. Jedes Mal, wenn ich mein Zimmer verlasse, muss ich vorher Kräfte sammeln, um Leute loszuwerden. Damit meine ich nicht die kurzen oder auch etwas längeren Gespräche à la wie gehts, wie war der Vormittag, was machst du, viel Arbeit usw. auch mit Unbekannten. Nein, ich meine die lästigen Gespräche, die, bei denen ich schon nach dem Handschlag erkenne, der will doch nur meine Handy- oder Zimmernummer. Und ich weiß, dass ich mir oft denke: nein, heute hab ich keine Lust. Ich geh nur schnell raus, hol mir was zu essen und verkriech mich wieder im Zimmer. Es ist nicht so, dass ich Angst hätte, allein irgendwo hinzugehen. Ich gehe auch allein im Dunkeln durch die Stadt und niemals habe ich mich dabei unsicher gefühlt. Obwohl die hießigen Mädels in der Nacht keinen Schritt ohne männliche Begeleitung machen, nicht einmal in einer reinen Frauengruppe Taxi fahren wollen (was ich im Übrigen total übertrieben finde), sehe ich dabei in den Vierteln, in denen ich mich bewege, überhaupt kein Problem. Im Gegenteil, die Nacht ist mir lieber, da lassen mich die Leute in Ruhe, ich kann die Straßen entlang gehen, ohne angesprochen zu werden. Tagsüber aber: gleiches Problem wie am Campus. Und für mich geht es soweit, dass ich keine Lust habe, irgendetwas zu tun. Ich habe keine Lust am Campus allein draußen zu sitzen oder durch die Stadt zu spazieren, ich habe auch keine Lust am Abend großartig was zu unternehmen. Ich sitze im Garten vom Centre Culturel oder seit einiger Zeit im Siki, einem spanischen Lokal im Zentrum. Beide Orte werden von Europäern geleitet und die (durchwegs einheimischen) Angestellten sind immer freundlich aber niemals aufdringlich. Man kann in Ruhe arbeiten, zwischendurch ein wenig ratschen, dann weiter arbeiten. Selbst in für Touristen gedachten Lokalen, die von Senegalesen geleitet werden, ist das nicht möglich. Man kann nicht mit seinem Computer sitzen und schreiben, ohne, dass sich jemand dazu setzt.
Das Problem habe ich im Grunde genommen seit meiner Ankunft, es ist das gleiche geblieben, aber seit Freitag fällt es mir ganz stark auf. Es kann sein, dass ich seitdem überempfindlich reagiere, aber so wie ich mich aus anderen Kontexten kenne, hat mein in der Zwischenzeit starkes Abwehrverhalten schon stark auch mit diesen Erlebnissen zu tun. Und grantig bin ich nicht nur, weil ich mich schlecht behandelt in meinem Handeln eingeschränkt fühle, mich ärgert auch, dass ich zundehmend versuche einfach allen Menschen aus dem Weg zu gehen.
Ich weiß noch nicht so recht, wie ich in den restlichen zwei Monaten damit umgehen will. Es gefällt mir hier immer noch, ich lerne gerne Französisch und Wolof, habe mit dem Bericht angefangen, den ich schreiben muss und habe Menschen, mit den ich Spaß haben kann. Ich freue mich zu und nach Weihnachten wieder zu reisen und ich freue mich total auf meine Besuche. Ich freue mich aber auch schon wieder sehr aufs nach Hause Kommen. Auf gewohnte Umgangsformen – die auch nicht immer die besten sind, keine Frage – aber bei denen ich zumindest weiß, wie ich sie einordnen und darauf reagieren kann. Und auf meine Freunde und Familie, die mir natürlich abgehen und die hier kein noch so netter Mensch ersetzen kann...

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