Die Gesänge der Bruderschaften

Trip Start Oct 15, 2011
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Trip End Mar 29, 2012


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Flag of Senegal  ,
Saturday, November 26, 2011

Oh, wie das gut tut. Heut ist glaub ich der erste Tag seit meiner Ankunft an dem ich so wirklich nichts mache. Also ich will damit nicht sagen, dass ich mich bis jetzt überanstrengt hätte, ganz bestimmt nicht, ich aber ich glaub ich war zumindest jeden Tag unterwegs. Entweder in der Stadt, oder auf der Uni, beim Internet, auf einer Reise, was auch immer. Heute habe ich bis zu Mittag geschlafen, und jetzt ists halb vier Uhr am Nachtmittag und ich hab das Zimmer noch immer nicht verlassen. Die einzigen Bewegungen waren ins Bad, aufs Klo, zum Fenster den Vorhang zumachen, die Gitarre und meine Banane und die Biskrems holen. Ein richtig fauler Samstag! Und ich muss mich wiederholen, es tut einfach echt gut.
Warum? Naja, auch wenn ich eigentlich nicht so viel zu tun habe – also verglichen mit normalen 8 oder 10 Stunden Arbeitstagen – ist das Leben in zwei Fremdsprachen, einem fremden Land mit fremder Kultur und fremdem Klima und fremdem einfach alles auf Dauer doch ermüdend und anstrengend. Klar, im Grunde ist das Leben hier nicht so viel anders, ich habe ein Zimmer in das ich mich zurückziehen kann, Freunde, mit denen ich mich auch auf Deutsch unterhalten kann, ich habe genug zu Essen, kann Musik hören und draußen problemlos durch die Gegend spazieren – auch allein, als Frau und nachts. Aber trotzdem spüre ich ab und zu, dass der Kopf einfach schlappmacht. Wenn mein Französisch gefragt ist, bin ich am Abend oft nicht mehr in der Lage zu denken oder auf einfachste Fragen zu antworten. Und meistens falle ich ziemlich erledigt ins Bett. Am nächsten Tag war ich dann meistens wieder erholt, aber diese Woche war selbst das Aufstehen um neun schwer. Naja, mal sehen, heute habe ich das Frühstück jedenfalls zum ersten Mal ausgelassen, den Wecker abgestellt, mich umgedreht und weiter geschlafen. Vielleicht hats ja was gebracht...
Gestern hatte ich jedenfalls noch ein sehr interessantes Gespräch mit Alioune, einem der Studis, die wir schon seit unserem ersten Tag am Campus kennen. Mit Günter kamen wir gerade von einem Gute-Nacht-Getränk bei unserem Freund Issa (der macht Pizza, zwar nicht sehr italienisch, aber eine willkommene Abwechslung zum üblichen Reis!) und schon unterwegs haben wir wieder diese Gesänge gehört, die an vielen Abenden den ganzen Campus „beleben“. Ich wusste bisher nur, dass es irgend etwas religiöses ist, aber mehr hatte ich bis dahin noch nicht raus gefunden. Mit Günter waren wir den Stimmen jedenfalls schon nachgegangen und hatten schließlich vor Village A eine Gruppe von ca 25 Studenten (keine Studentinnen!) im Kreis auf am Sand platzierten Teppichen sitzend gefunden. Sie sangen, manchmal ganz leise, manchmal ganz laut, scheinbar die immer gleiche Melodie und das stundenlang. Schon am Vorabend und in den Vorwochen war der Gesang aufgefallen. Jedenfalls nutzten wir gleich die Gelegenheit Alioune ausfragen zu können und die Erklärung entsprach dem, was ich mir schon gedacht hatte. Die bereits mehrmals erwähnten Bruderschaften hatten natürlich auch unter den Studenten Anhänger. Diese treffen sich enmal pro Woche (jede Bruderschaft hat einen anderen Wochentag, gestern wars die größte, die Mouriden) und singen Gedichte (Khassaide) des Gründers der jeweiligen Bruderschaft um damit ihn und Gott zu preisen. Die Melodien, die von den ersten Talibes des jeweiligen Bruderschaftsgründers stammen und von Generation zu Generation weiter gegeben werden, sind entgegen unserer Wahrnehmung nicht immer die gleichen, sie ändern sich, ebenso wie die arabischen Verse. Neben diesem ersten Rätsel konnte mit Aliounes Hilfe auch ein zweites Rätsel gelöst werden. Ich höre nämlich seit mehreren Abenden auch eine Studentin singen. Regelmäßig, allein, mit voller Stimme und sehr schön. Auch sie gehört einer solchen Verbindung (Bruderschaft schein mir in diesem Zusammenhang etwas komisch zu klingen) an und zwar einer Untergruppe der bereits erwähnten Mouriden, den Jalla Jalla.
Also ich muss sagen, diese Religiosität der Senegalesen erstaunt und fasziniert mich immer wieder. Sie ist allgegenwärtig, es ist für die Menschen das allernatürlichste mitten in einem Lokal (gestern gesehen) mit lauter Europäern einen Teppich auszubreiten, die Schuhe auszuziehen, sich hinzustellen und zu beten. Dann werden die Schuhe wieder angezogen, der Tepich zusammengerollt und verstaut, man setzt sich wieder zum Tisch und führt das gerade geführte Gespräch zu Ende. Diese Strenge bei der Einhaltung der fünf täglichen Gebete ist bei allen Bevölkerungsschichten zu sehen, die MarktstandbetreuerInnen, die StundetInnen, die LehrerInnen usw. Und das Schöne dabei ist, dass ich trotzdem noch nie gehört habe, dass eine andere Religion weniger wert oder schlechter sein sollte. Zwar überwiegen in der Öffentlichkeit natürlich islamische Symbole – vor allem die Bilder der Bruderschaftsgründer sind allegegenwärtig, ob in Bussen am Rückspiegel, bei Studis um den Hals oder in Geschäften auf der Wand – aber auch hier im Norden scheint Religion kein Thema für Auseinandersetzungen und damit auch wenig radikalisiert (im Sinne von Anti-Westen, Anti-Kapitalismus was auch immer; die Bruderschaften sind in anderer Hinsicht, nämlich in innerstaatlicher, gefährlich und definitiv zu stark!) zu sein und es lässt mich hoffen, dass die maghrebinische Al-Quaida im Senegal nicht Fuß fassen wird können – ganz im Gegensatz zu den Nachbarstaaten Mauratanien oder Mali, wo gestern in Timbuktu (wo ich ja eigentlich hin wollte...) sechs europäische Touris entführt und einer getötet wurden.
Naja, soviel zu den Gesängen am Campus. Ich finde sie jedenfalls nach wie vor schön, sie beleben den Campus und es sind kleine gratis Konzerte zweimal pro Woche ;-) Und sonst? Nicht viel neues. Gestern hatte der Bus mit dem ich in die Stadt gefahren bin eine kleine Panne. Die Hinterachse ist gebrochen und nachdem ich von dem grausigen Geräusch von Metall auf Asphalt aufgeschreckt beim „Fenster“ (also sowieso immer ohne Scheiben) rausgeschaut habe, sehe ich den linken Hinterreifen ganz entspannt neben dem Bus herrollen. Es ist Gott sei Dank niemandem etwas passiert. Die Mädls, die gerade am Straßenrand spaziert sind, haben auch nichts abbekommen und uns Gästen hat man den halben Fahrpreis zurückgegeben. Mit dem Taxi gings dann weiter in die Stadt und der Vorfall war bald vergessen. Trotzdem hat Günter mit dem, was er Abend gesagt hat Recht, und zwar, dass der Straßenverkehr in Ländern wie dem Senegal ein nicht zu vernachlässigender Risikofaktor ist. Die Taxis fahren zu einem großen Teil rücksichtslos und die schon grundsätzlich wenig sicheren Autos können durch viel zu hohe Geschwindigkeiten und „der-Andere-wird-schon-ausweichen-Mentalität“ zu Todesfallen werden. Aber gut, sterben kann man auch im Bett und im hinteren Teil vom Auto ist die Gefahr eh viel geringer ;-)
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