Zhuhai - Eine Zugfahrt die ist lustig...

Trip Start Oct 25, 2010
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Trip End Ongoing


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Flag of China  , Guangdong,
Saturday, August 27, 2011

Mit unzähligen Umstiegen sind wir dann schließlich noch in Zhuhai im Hotel angelangt, wo sie erstmal unsere Reservierung versemmelt hatten. Erst gab es keine Einzelzimmer, dann sollten Einzelzimmer soviel wie DZ kosten und schließlich haben wir das für unseren Buchungspreis bekommen. Dann haben sie uns wenigstens noch eine Kaution von 400RMB abgezockt, Ausländer randalieren ja auch so viel schlimmer als Chinesen (geht das?!). War aber ganz nett dort, nur Internet ging nicht wirklich, bei genauem Hinhören hat man den Club vor der Tür wahrgenommen und man hielt uns für Leute aus Singapur.

Zhuhai an sich ist mit Palmen gepflastert, glüht in der Sonne und besticht vor allem mit Milchtee. Davon haben wir uns in den 3 Tagen eine ziemlich große Zahl in den Rachen gekippt, denn der ist kühl und man hat was zu kauen.

Am ersten Tag waren wir nur einkaufen, denn Konto für Corrina eröffnen war Samstag ab 16Uhr schon nicht mehr möglich. Der Sicherheitsdienst hat gerade Geld überführen wollen und wir wurden ängstlich in unsere Schranken verwiesen. Sonntag war übrigens auch geschlossen, komische Stadt... Schließlich sind wir noch am neuen Alten Sommerpalast vorbeigeschlendert, der mit horrenden Preisen und Vergnügungsparkatmosphäre gelockt hat. Aber nicht genug, wir sind dann doch lieber in einem auf Eselfleisch spezialisierten Restaurant eingekehrt und haben unsere Bäuche namens Günther und Detlef mit Spezialitäten bis zum Schmerz gequält. Weil Günther und Detlef so fröhlich wachsen, aber über manche Spezialität nicht unbedingt glücklich sind, hatten sie sich einen Namen verdient. Ein freundlicher Mann hat mir noch Tipps bezüglich schöner Strände gegeben und wir sind zu einem Verdauungsspaziergang ins Viertel aufgebrochen. Eigentlich wollten wir uns mal was gönnen und die berühmten asiatischen Nagelstudios testen, aber stattdessen sind wir eher in dunkle Ecken mit kleinen Tanzgruppen und Sanitärverkaufsständen gelangt. Das Bett war unser Freund und ich hab so gut wie noch nie geschlafen – absolut steinartig.

Am nächsten Morgen mussten wir erstmal Internetkram erledigen und sind nur einem einzigen Internetcafe über den Weg gelaufen – Mitgliedskarte für 10RMB... Als wir dann kurz verschwinden wollten, um ein Bankkonto zu eröffnen, ist die gute Verkaufsdame regelrecht panisch geworden. Zu unrecht, denn vor der Bank war natürlich der Zaun heruntergelassen.

Also sind wir zum Strand aufgebrochen, natürlich war der von mir recherchierte Hafen für die Fähre falsch. Die fuhr aber sowieso nur um 9 und 14:40, außerdem gab es Stress wegen der Pässe. Ein französischer Lehrer hatte „nur" die Passkopie, die Kopie seiner Aufenthaltsgenehmigung („Foreign Expert“ – das müsste hier eigentlich viel reißen) und seinen Ausweis mit, da musste natürlich diskutiert werden. Letztlich hat es die Polizei abgesegnet, auf der Insel wird wohl doch kein Staatsgeheimnis versteckt.

Darauf folgte aber ein langes erzwungenes Mittagessen, denn wir waren natürlich zu spät für die Fähre um 9. Gebeutelt von der Hitze hat uns das Eisschiff schließlich nach Dong'ao gebracht, einer Insel auf Höhe von HK. Man konnte in der Ferne schön Macao glitzern sehen oder zumindest das, was wir dafür hielten.

Dort angekommen wurde es zur Herausforderung, ein Ticket für die Rückfahrt zu bekommen. Ist ja nicht so, dass man sich über sowas wundert, nur war dort die Faulheit der Beamten einfach unglaublich. Nach 20min kam endlich Bewegung in die Bude und wir hatten unsere Tickets, den kleinen Zubringer bestiegen und wurden zu einem Traumstrand *hust* kutschiert. Da wird gerade ein Resort gebaut, auf der anderen Seite befindet sich schon eins und mittendrin gibt es einen Schwimmerbereich – die anderen Wassergebiete dürfen einfach nicht benutzt werden. Corrina wurde ausgepfiffen und als sie nicht reagiert hat, zielte die Trillerpfeife plötzlich in unsere Richtung. Ich hab mich am Strand umgezogen, das war ein Großereignis für unser Strandpublikum.

Das Wasser war angenehm warm und mittlerweile hatten Wolken die Sonne so verdeckt, dass man keinen Sonnenbrand mehr bekommen konnte. Das Stieren hat aber immernoch auf dem Rücken gebrannt.

Für die Rückfahrt sollte man nur bei dem Zubringer anrufen und angeblich würde der dann kommen. Tut er auch, nämlich nach 20min, wenn man schon längst wieder in den Hafen gerannt ist, weil man nicht sein Schiff verpassen will. Das kam aber auch noch 20min zu spät, heruntergekühlt als hätte man ein Stück der Arktis nach Zhuhai verfrachtet und voll mit lauten Ausflüglern. Macao hat in der Ferne geleuchtet und die Skyline von Zhuhai war auch nicht zu verachten. Schließlich sind wir nach einer guten Dusche noch BBQ essen gegangen, mit Fake Draft und ich hab tatsächlich noch mir unbekanntes „Fleisch“ vom Rind gefunden. Bis heute ist mir unklar, was das gewesen sein soll, die Erklärung der Verkäuferin war nicht einleuchtend genug.

Ich wollte mich noch des Internetproblems annehmen und hab mal an der Rezeption nachgehakt. Schließlich erschien ein Techniker, erst im falschen Zimmer natürlich, der mir verklickerte: „Neeee also dein PC unterstützt kein Internet“ – „Aber ich war doch damit schon im Internet“ – „Neee der unterstützt kein Kabelinternet“ – „Das hat doch bisher reibungslos funktioniert“ – „Achso.“ Danach wurde einfach nicht weiter diskutiert, so chinesisch...

Am Montag hat Corrina doch tatsächlich sauflink ihr Konto einrichten können, während ich die Zugtickets für die beste Fahrt meines Lebens reserviert hab: Hard Seater ohne Sitz 16h Hardcorefahrt im Express von Guangzhou nach Shanghai. Das ist eine der beliebtesten Routen Chinas und pro Tag verkehren nur 2 Züge, dementsprechend schnell sind dort Plätze weg und überfüllte Wagen erscheinen auf der Bildfläche. Wir haben Waggon 18 mit mindestens 50 anderen Stehticketlern und an die 150 Sitzplatzticketlern geteilt. 2 Toiletten, 4 Waschbecken, 1 Heißwasserbereiter.Das klingt schlimm und eben darum war es eine sehr unterhaltsame Herausforderung.

Wir haben uns vorher gut gewappnet mit Kissen, Essen, Trinken und guter Laune, aber die ersten Stunden waren trotzdem schwer. In Hoffnung auf etwas Leere nach 1.000km am ersten Halt hatten wir uns im Waschraum positioniert. Dort hatte sich relativ schnell unsere Stammcrew versammelt, mit der wir im Laufe der Fahrt sehr vertraut werden sollten. Es gab 2, die Creme verkauften, diese im 20kg-Eimer rumschleppten und mir eine Unterweisung in den Anforderungen der Haut gaben. Die QQ-Nummer hab ich mir natürlich gesichert, der war ein spaßiger und nicht ganz dummer Zeitgenosse, obwohl er nur 16 Jahre zur Schule gegangen war. Einer hat sich seinen Platz an der Toilettentür gesucht und wir haben nur darauf gewartet, dass er mal rückwärts reinplumpst. Ein Mangamädchen von 30 Jahren hatte ihren Glubschaugen mit Kontaktlinsen nachgeholfen und wenigstens was im Kopf gehabt. 2 andere haben permanent Witzchen gerissen und die ganze Meute des Partyzugs hat immer mal vorbeigeschaut. Der Brüller war allerdings einer, der wohl Mitte 20 bis 30 war und einfach nur strohdoof. Seine zwanghaft wirkenden Fragen waren so nervig, dass sich selbst die Chinesen an den Kopf gegriffen haben. Hier mal ein kleiner Auszug aus dem Fragenkatalog:

-          Wieso sind deine Zähne so weiß? (Weil ich sie putze??? Lustigerweise kam 5min später eine Frau vorbei, hat Zahnbürsten verkauft und die richtige Putztechnik erklärt. Haben die auch alle ungemein nötig!)

-          Hat Deutschland Geschichte?

-          Gibt es in Deutschland Sommer?

-          Hahaha Du hast ja so schwarze Augenringe! Hast wohl schlecht geschlafen? Na der Zeitunterschied nach Deutschland, da ist grad Nacht oder? (Ich hatte vorher ein paar Mal erklärt, wie lange ich nun schon hier bin.)

Wir waren selbst aber auch nicht besser...

-          „Hoffentlich ist der Zug groß genug, sodass man da noch einen bequemen Stehplatz bekommt!“

-          „Haben wir Plätze nebeneinander?“

-          Wir lachen uns mal wieder über den Blödi in der Gruppe kaputt. Er sagt, „Die lacht aber besonders gern“ – Corrina, “Wieso noch ins Irrenhaus, wenn man auch nach China kann?“

Die Zugbegleiter waren auch schon leicht genervt, einmal hat jemand was wegen der eisigen Temperatur gesagt. Die Wagenverantwortliche diskutiert mit ihm eine Weile rum, gibt auf, geht weg, dreht sich nochmal um und ruft, „Na ist euch nun zu kalt oder zu warm?!?“ – Entgeisterte Blicke der Chinesen in ihren warmen Jacken.

Während Corrina in der glücklichen Lage war, dort irgendwie schlafen zu können, habe ich mich relativ schwer getan. Das ewige Fahren im Hardsleeper hat meine Abhärtung verweichlicht und ich bin insgesamt sicher nur auf 2h gekommen. Die gesamte Zeit habe ich bibbernd zugebracht, Chinesen beobachtet, versucht Kartenspiele mitzudenken und unsere Vorräte aufgemampft oder bei den anderen mitgefuttert. Chinesen sind einfach so unglaublich herzlich, nur manche scheint man mit seiner eigenen Anwesenheit zu verschrecken.

Einer von den Creme-Vertretern hat sich zum Frühstzück noch den Rest Chili-Gedärme in seine Trockensuppe geschickt und ich musste mal wieder ablehnen – der Geschmack liegt mir auch jetzt noch nicht. Corrina war allerdings ganz begeistert! :D

Fasziniert hat mich der eine Typ, der relativ eindeutig der Mafia angehört hat. Er hatte auf seinen spindeldürren Körper nicht nur ein Tattoo tätowiert, sondern im Rücken auch noch ein Einschussloch (gut, vielleicht hat ihm auch mal jemand eine Eisenstange dort reingestochen, so eindeutig war das nicht). Als ich das Corrina erzählt hab, meine sie nur „Wieso hast du mich nicht geweckt, um mir den Mafiaguy zu zeigen??“ – Ich habe ewig gebraucht, um Corrina am ENDE der Reise gegen 10 aufzuwecken, was also hätte das gegen 5 werden sollen.

Am Ende haben sie vor unserem stinkenden Stammklo (man muss doch Spülwasser sparen!!!) alle noch auf ein Mädchen eingeredet, das in Jiangsu Arbeit suchen wollte, aber wohl auf einen Betrug hereingefallen war. Schließlich hat sie nachgegeben und ist mit den 2 Cremeverkäufern in die Stadt, um nach einem Hotel zu suchen.

Wie sind schließlich in Shanghai in einem wunderbaren Hostel direkt zwischen den Hochhäusern am People´s Square eingekehrt, waren noch kurz einkaufen und natürlich am Bund. Es ist richtig angenehmes Wetter aus Regen und warmem Wind, die Wolken geben einen schönen Kontrast zu den Hochhäusern, dabei herrscht hier eine unglaubliche Ruhe. Beim Einkaufen hat sich unsere wunderbar chinesische Einstellung gezeigt: Automatisch sind wir bei Rolltreppen einmal rum, um wieder runterzufahren. Pech nur, dass in Shanghai wohl noch logisch denkende Leute existieren und die tatsächlich direkt angeschlossen waren. Das ist uns nicht nur einmal passiert, wir sind permanent der Unlogik (also für Chinesen schon logisch) gefolgt.

Mein Koffer ist hoffentlich nun unter 23kg, ich hab wahnsinnig viel Zeug aussortiert. Außerhalb vom Zimmer, unterm Regendach, weil im Zimmer gegen 9 ernsthaft schon einer geschlafen hat. Schlappschwänze hier in Shanghai... ;-) Der Hausmeister kam noch vorbei und hat herumlamentiert, dass ich das doch wenigstens im Flur machen soll. Auf den allerletzten Treppenstufen hatte das Gewicht schließlich noch ein Rad zerquetscht, das war wohl ein eindeutiges Zeichen.

Meine Bilanz nach der Reise: Die Orte waren wunderschön und genau richtig ausgewählt, auch wenn wir manchmal doch auf Probleme trafen. Corrina ist außerdem so wunderbar pflegeleicht, dass man nicht babysitten muss. Sie sagt ja selber: „Wenn man mir regelmäßig was zu essen gibt, ist alles okay“ – regelmäßig gefüttert hab ich sie automatisch bei meinem Mampfwahn! :)

Die Bilanz der letzten 10 Monate: Mir sagen immer mehr Leute, dass sie mich für jemanden aus dem Nordosten oder Westen halten. Also hat sich mein Chinesisch eindeutig verbessert, auch wenn ich nicht immer das Gefühl hatte. Mittlerweile denke ich auch, dass ich das Land viel besser verstehe und eher allein klarkomme, was ungemein sinnvoll ist. Kurzum: Es hat mir viel gebracht und ich bereue kein Stück hiervon.

Ich bin traurig wieder zurückgehen zu müssen und mir kommt es weiterhin nicht real vor. Mal sehen, wie das morgen auf dem Flughafen ausschaut.

Jetzt quassel ich noch eine Runde mit einem unter Schlaflosigkeit leidenden Franzosen, der hier eine Arbeit über Architektur schreibt.

Danke fürs Lesen und an alle, die mir immer mal wieder Neuigkeiten aus Deutschland zugesteckt haben. Bis bald in Deutschland :)
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